Die 13 Bücher vom österreichischen Buchpreis 2024

Die Besten der Besten der österreichischen Literaturszene: Wir haben uns die 13 Bücher der Longlist aufgeteilt, damit ihr es nicht tun müsst. Hier ist unser Fazit zum österreichischen Buchpreis 2024!

1. Brennende Felder – Reinhard Kaiser-Mühlecker (S. Fischer Verlag)

Preisträger Österreichischer Buchpreis 2024

Es ist der dritte und letzte Band einer Trilogie und behandelt die Geschichte der Geschwister Alexander, Jakob und Luisa. In „Brennende Felder“ dreht sich alles um Luisa: Sie ist seit ihrer Jugend in ihren Stiefvater Bob verliebt, zieht aber irgendwann weg und lebt in Dänemark und in Schweden. Dort hat sie mit zwei verschiedenen Männern zwei unterschiedliche Kinder. Beide Ehen halten nicht. Sie zieht dann in Hamburg mit Bob zusammen, also ihrem Stepdaddy. Sie ziehen zurück in die oberösterreichische Provinz und ziehen dort in eine Villa – und als wäre es eh nicht schon verkorkst genug, übt Bob Raubzüge auf andere Landwirte in der Umgebung aus.

Bei einem dieser Raubüberfälle wird er von einem der Landwirte und verunglückt tödlich. Daraufhin begleiten wir Luisa auf einer Reise zurück nach Dänemark und Schweden. Luisa macht daraufhin wieder eine Reise nach Dänemark und Schweden, bevor sie nach Oberösterreich zurückkommt und mit dem Mörder ihres Stepdaddy zusammenkommt.

Um es zusammenzufassen: Luisa hat keinen Selbstwert. Sie ist die ganze Zeit überheblich. Sie ist ultra lost im Leben und übernimmt kein einziges Mal für ihre Handlungen Verantwortung. Was dem Buch aber sehr gut gelingt, ist durch die kleinen subtilen Kommentare das Leben in der österreichischen Provinz pointiert zu kommentieren, sodass man trotzdem eine Form von Kritik herauslesen kann. Obwohl sie keine Verantwortung für irgendwas übernimmt, versteht man doch irgendwie, wie sie so wurde, wie sie wurde. Dennoch: Luisa, Maus, raff dich zusammen! (Aleksandar)

2. Nachwasser – Frieda Paris (Voland & Quist)

Preisträgerin Österreichischer Buchpreis Debüt 2024

Ich hab mich verliebt. Und zwar in dieses Langgedicht „Nachwasser“ von Frieda Paris, ausgezeichnet mit dem österreichischen Debütpreis und Spoiler Alert: Sowas von verdient!

Im Falle von „Nachwasser“ entsteht dabei eine Textcollage, in der wir gemeinsam mit dem lyrischen Ich (Frieda Paris, nicht Frieda Paris, we will never know) gemeinsam durch Kindheits- und Jugenderinnerungen marschieren. Wir durchforsten Archivboxen in der österreichischen Nationalbibliothek, dürfen Gedanken, Sorgen, Wünsche, Hoffnungen miterleben, bekommen den Schreibprozess immer wieder reflektiert. Der Titel ist wirklich Programm: Ein Fluss, ein Wasser, das einen umfasst und umströmt, dem man gar nicht zu entkommen weiß.

Frieda Paris spielt viel damit, wie sich Worte darstellen lassen. Sie setzt Leerzeichen vor Doppelpunkten, wo eigentlich gar keine hingehören, schreibt Worte groß an Stellen, an denen sie eigentlich nicht groß geschrieben werden sollten, arbeitet mit Unterstreichungen, mit Umbrüchen, mit Verschiebungen und stellt damit dieses Fragmentarische, dieses Collagenartige nicht nur auf Inhaltsebene dar, sondern eben auch visuell auf der Buchseite. Und schon alleine dafür zahlt es sich aus, Nachwasser einmal in die Hand zu nehmen. Buchpreis absolut verdient! (Anna)

3. Zitronen – Valerie Fritsch (Suhrkamp Verlag)

Shortlist Österreichischer Buchpreis 2024

Ich liebe Zitronen. Sie riechen extrem gut, sie machen voll die Sommerlaune, helfen auch total gut bei Erkältungen. Ich liebe allerdings nicht nur die Frucht. Ich liebe auch das gleichnamige Buch „Zitronen“ von Valerie Fritsch, das beim österreichischen Buchpreis nominiert war. Darin geht es um den Protagonisten August Drach, der in seiner Kindheit sehr häufig krank ist, dem die heiße Zitrone dabei allerdings überhaupt nicht helfen kann. Denn dafür ist schon seine Mutter zuständig, die wirklich sehr aufopferungsvoll jederzeit mit Medikamenten im Gepäck parat steht. Dabei sind es genau diese Medikamente, die August so krank machen.

Der Roman handelt unter anderem vom Münchhausen-by-proxy-Syndrom, auch bekannt als Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Eine psychische Erkrankung, bei der überwiegend Frauen ihren Kindern Krankheiten zufügen, zum Beispiel durch Medikamente, um sich dann sehr aufopferungsvoll um ihre Pflege zu kümmern und von ÄrztInnen und vom Umfeld für ihre Mühe Anerkennung zu erhalten. Valerie Fritsch erzählt mit sehr feinfühliger Sprache, mit bedacht ausgewählten Worten und wunderschön ausgeschmückten Sätzen von einem sehr schlimmen Schicksal – und ich war extrem emotional involviert in diesen Roman. Dann gibt es auch wieder ganz oft gesellschaftskritische Äußerungen, die man in diesem Kontext gar nicht so erwarten würde. Es geht sehr häufig um Gewalt an Frauen, um den Kreislauf von Gewalt, natürlich um Trauma und um dessen Vererbung, um Aufarbeitung oder um Nicht-Aufarbeitung. Und es gibt einige Szenen, die wirklich sehr grafisch, sehr eindrücklich Gewalt beschreiben.  

Mit den titelgebenden Zitronen hat der Roman eigentlich nur am Rande zu tun. Zitronen werden sehr oft in kleinen Nebensätzen und Anekdoten erwähnt. Es geht mal um Zitronenküchlein oder um Zitronenlikör. Insgesamt steht die Frage im Vordergrund, wie man von der Vergangenheit beeinflusst wird oder wie man plötzlich erwachsen sein soll, nachdem man so eine schreckliche Kindheit erlebt hat. Man erfährt auch sehr viel über die einzelnen ProtagonistInnen und ihre Geschichte und ihre Vergangenheit. Zum Beispiel über die der Mutter, die paradoxerweise Pflegerin war, bevor sie ein Kind bekommen hat. 

Von mir bekommt dieses Buch eine absolute Empfehlung. Es ist nicht immer ganz einfach zu lesen, es ist vor allem nicht immer leicht zu ertragen. Es ist tragisch, traurig, vielleicht für alle, die ein bisschen zu glücklich sind gerade im Leben. Was es aber ist, ist definitiv ein wunderschönes Drama. (Patricia)

4. Content – Elias Hirschl (Paul Zsolnay Verlag)

Shortlist Österreichischer Buchpreis 2024

Habt ihr auch das Gefühl, dass eure Arbeit im Büro komplett sinnlos ist? Dass ihr unnötige Listen erstellt und dass gefühlt jedes Meeting eine E-Mail hätte sein können? Ja? Dann geht es euch genau gleich wie der Hauptfigur in „Content“ von Elias Hirschl. Sie arbeitet in einer Medienfirma, die SmileSmileInc. heißt, und macht nichts anderes, als Listicles zu schreiben. Sowas wie “6 Zeichen, dass deine Haut von der Sonne mitgenommen ist”. Ohne Witz, es gibt eine Stelle im Buch, die geht über sieben Seiten, wo Listenartikeltitel auf Listenartikeltitel folgt. Mein absoluter Lieblingstitel ist: „Fünf Male, in denen Harry Styles geslayt hat.“ Wer denkt sich sowas aus? Und Leute, es wird noch absurder: Die Hauptperson schreibt einen Listenartikel, die einer KI gegeben wird. Die schreibt den Text nochmal komplett neu um, generiert neue Bilder und spuckt einen Text aus, der überhaupt nicht mehr ist wie der erste Text. Ihre Arbeit ist komplett sinnlos. 

Neben dieser sinnlosen Arbeitskultur tauchen wir auch in eine Welt ein, die komplett lebensfeindlich ist. Also man fragt sich, wie kann man da überhaupt leben? Zusätzlich zu den Themen Arbeitskultur und Umwelt kommt auch noch die Kritik am heutigen Datingverhalten und der Startup-Bro-Proper-Mindset-American-Dream-Mentalität, die mit der Figur Jonas verkörpert wird und absolut ins Lächerliche gezogen wird. Dieser Typ lässt seine Mutter jedes Mal auf eine andere Art und Weise sterben, damit der Tod dann als Hintergrundstory für sein neues Startup funktioniert. 

Das Buch behandelt aktuelle Themen wie Arbeitskultur, Umwelt, Dating, Startup-Mentalität und natürlich auch KI. Und wenn es nicht so lustig wäre, wäre es schon echt gruselig. Meinerseits eine absolute Empfehlung, 4 von 5 Sternen. Einen Stern ziehe ich ab, weil manche Aspekte in der Handlung nicht ineinander gehen. Aber das ist in Ordnung, das verzeihen wir. Absolute Empfehlung. (Aleksandar)

5. Fischgrätenlage – Elke Laznia (Müry Salzmann Verlag)

Shortlist Österreichischer Buchpreis 2024

Österreichische Literatur fasziniert mich. Es ist irgendwie immer deprimierend. Es geht immer um toxische Beziehungen, um toxische Familien, um Tod, um weiß nicht was. In diesem Fall hatte ich einfach keine Lust, es zu beginnen, weil es geschrieben ist wie ein Gedicht: Es gibt keine Satzzeichen. Ich weiß nicht, wann ein Satz beginnt und wann er aufhört.

Teilweise ist es ein Wort in einem Absatz, der noch zum anderen Absatz gehört. Und dann irgendwie ein ganz kurzer Satz und dann beginnt schon das nächste und es ist random. Man braucht aber einfach fünf Seiten, dann ist man in diesem Rhythmus drinnen. 

Es sind teilweise extrem schöne Sätze drinnen über die Liebe, über Familie, über Freundschaft, über toxische Beziehungen, toxische Freundschaften, die romantische Beziehung zum Partner, zur Partnerin, die Beziehung zu sich selbst, Liebe, Leben, Tod und Freundschaft. Alles, was irgendwie zum Leben gehört und das aber verpackt in eine Form von Gedichten ohne Satzzeichen. Ich habe es mir ehrlicherweise viel schlimmer vorgestellt, aber alles in allem ist es ein wirklich schönes Buch. Also ich würde es auf jeden Fall empfehlen. Es ist ein bisschen eine Überwindung, es zu beginnen – wenn man sich dann aber mal überwunden hat und anfängt, das Buch zu lesen, nimmt man sehr viel davon mit. (Manon)

6. Siebenmeilenherz – Katharina Winkler (Matthes & Seitz Berlin)

Shortlist Österreichischer Buchpreis 2024

Familie. Ein geschützter Hafen, in dem sich Kinder frei entfalten können, einfach Kind sein dürfen und wo ihnen nichts Schlimmes zustößt. Oder doch eher ein fürchterlicher Albtraum, wo Gewalt und Machtmissbrauch dominieren? In Katharina Winklers Roman „Siebenmeilenherz“ ist leider letzteres der Fall. Die Protagonistin erfährt darin bereits ab dem frühen Kindesalter regelmäßig sexuelle Gewalt, ausgeführt von ihrem Vater.

Ich habe eine ganz klare Meinung zu diesem Buch: Es ist unerträglich! Nicht vielleicht, weil es schlecht geschrieben wäre oder so. Es ist wirklich ganz fantastisch geschrieben. Es erinnert an ein Gedicht und hat sehr viele, sehr kurze Sätze. Das Ganze macht es auch ein bisschen gewöhnungsbedürftig.

Es sind viele Gedankenfetzen aus Sicht des Kindes, das dann im Laufe des Buchs auch erwachsen wird. Das im einen Moment noch fröhlich Purzelbäume schlägt und im nächsten dann vom Einhorn des Vaters berichtet, das einen gewissen “Wundersaft” (ew) produziert. Also es sind auch ganz oft Strophen eingebaut von Kinderliedern. Genau diese kindliche, naive und unbedarfte Sichtweise macht es so schrecklich fürchterlich.

Das wahrscheinlich erschütterndste an der ganzen Sache ist ja, dass das keine erfundene Geschichte ist. Also die in dem Roman ist vielleicht nicht zu 100% so passiert. Aber sexuelle Gewalt an Kindern passiert so, so häufig. Und deswegen ist Siebenmeilenherz wirklich nur häppchenweise zu ertragen. Dennoch bekommt dieser Roman von mir eine absolute Empfehlung, weil er einfach ein riesengroßes Tabuthema unserer Gesellschaft in den Mittelpunkt rückt. Und das alles wird aus der Opferperspektive erzählt, was es wirklich sehr, sehr eindrücklich macht. (Patricia)

7. Dorf ohne Franz – Verena Dolovai (Septime Verlag)

Shortlist Österreichischer Buchpreis Debüt 2024

Kennt ihr das, wenn ihr das Gefühl habt, ihr habt euer Leben nicht im Griff? Alle entscheiden für euch und ihr müsst euch dauernd um andere kümmern: Welcome to „Dorf ohne Franz“. Es geht um eine Bauernfamilie in den 1960er Jahren. Diese Bauernfamilie hat drei Kinder, Josef, Maria und Franz. Das österreichischste, was ich in meinem Leben gehört habe. Josef ist natürlich der Liebling der Familie, Franz ist ein bisschen das Nesthäkchen. Er wird von der Mutter fast erdrückt von ihrer Liebe, die sonst keinem anderen ihrer Kinder Liebe schenkt. Maria… sie macht mich fertig. Sie kümmert sich um alles. Sie kocht, sie macht den Haushalt, sie füttert die sch** Hühner. Maria, why? Man merkt einfach, wie sie daran zerbricht.

Das Buch beginnt mit dem Tod von Marias Mann Toni. Sie kommt ins Zimmer rein und sieht ihn tot am Boden liegen, dreht sich um und geht. Blank page, und dann hört man die Backstory von Maria. Ihr gesamtes Leben ist ein reines Drama. Man fühlt so mit… Das Schlimmste an diesem Buch ist tatsächlich zu sehen, wie es in den 60er Jahren am Land in Österreich funktioniert hat – und es voraussichtlich heute immer noch tut. Ich war shooketh. 

Absolute Empfehlung für alle, die ein bisschen einen Einblick haben wollen in österreichisches Landleben und absolut toxische Familienstrukturen. Und auch ein bisschen wachgerüttelt werden wollen, dass man einfach ins Tun kommen muss. Vielleicht wird Maria eh glücklich und geht aus der Tür und erkundet die Welt und schaut einfach, dass sie nur noch das macht, was ihr Freude bereitet. Ich wünsche es ihr auf jeden Fall von Herzen! (Manon)

8. Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht – Julia Jost (Suhrkamp Verlag)

Shortlist Österreichischer Buchpreis Debüt 2024

Dieses Buch mit dem langen, unaussprechlichen Titel ist ein Anti-Heimat-Roman von Julia Jost. Das ist ihr erster Roman. Die Handlung spielt im Kärnten der 90er Jahre, aber von den Spice Girls und Low-Rise-Jeans war keine Spur zu sehen. Vielmehr wird die nationalsozialistische Vergangenheit und Gegenwart mit einer Vielzahl an Gewaltformen beschrieben. Zudem werden Emotionen unterdrückt und altertümliche Vorstellungen von Mann und Frau präsentiert. Das alles erzählt uns ein 11-jähriges Mädchen. Wo ist der Jugendschutz hier?

Das Mädchen bzw. unsere Hauptfigur spielt zum letzten Mal mit ihrer Freundin Verstecken, weil sie & ihre Familie umziehen wird. Deshalb kommen auch die ganzen Dorfbewohner und Familienmitglieder, um sich von der Familie zu verabschieden. Und von diesen Personen erfahren wir dann die Geschichten. Ebenso erzählt das Kind von seinen eigenen Abenteuern und queeren Erfahrungen in diesem Umfeld. Dass der Roman aus der Perspektive einer Elfjährigen erzählt wird, heißt aber noch lange nicht, dass das ein leicht zu lesender Roman ist. Ganz im Gegenteil: Die Sprache ist sehr anspruchsvoll und die Sätze sind sehr kunstvoll ausgearbeitet.

Wenn man nicht mit voller Aufmerksamkeit bei diesem Text ist, verpasst man ganz schnell etwas. Und der Inhalt ist auch keine leichte Kost, auch wenn viel Humor mit im Spiel ist. Dieser Roman ist definitiv für Leser*Innen, die auf der Suche nach der nächsten Herausforderung sind und dafür mit sprachlicher Vielfalt und thematischem Reichtum belohnt werden. (Magdalena)

9. Lauter – Stephan Roiss (Jung und Jung Verlag)

Wie würdest du dich fühlen, wenn du ein Leben abgelöst von deiner Familie leben würdest, als Musiker einer Elektrotechno-Metal-Band dein Leben führst, ganz ohne Verpflichtungen, aber mit viel Ballast aus der Kindheit und der Jugend? Weißt du nicht? Ich auch nicht. Aber wer das weiß, ist Leon aus „Lauter“ von Stephan Roiss. 

Obwohl Leon ein sehr eigenständiges Leben als Musiker und Radiomoderator führt, entkommt er seiner Familie nicht ganz, denn seine Mutter verstirbt. Ab da begleiten wir Leon das ganze Buch über bei seinem Trauerprozess. Mithilfe von Rückblenden aus seiner Jugend und Kindheit und aktuellen Geschehnissen, die Leon in seinem Leben erfährt, handelt das Buch Themen wie Trauer, Krankheit und Wut, aber auch Liebe und Hoffnung ab. Dabei ist die Musik ein ständiger Begleiter im Buch. 

Wer gern über das hoffnungsvolle in schlimmen Zeiten Bella Italia und Musik liest, für den ist „Lauter“ von Stephan Roiss genau das Richtige. (Aleksandar)

10. Kleine Monster – Jessica Lind (Hanser Verlag)

Ach, Kinder! Kleine süße Lämmer, kleine unschuldige Engel. Oder doch eher kleine Monster mit Seelen so dunkel wie die finsterste Finsternis? Zwischen diesen zwei Polen schwankt Pia aus Kleine Monster von Jessica Lind. Pia und ihr Ehemann Jakob werden zu Beginn des Buches in die Schule zitiert, denn ihr kleiner Sohn Luca ist anscheinend einem anderen Kind an die Wäsche gegangen. Völlig normal und überhaupt nicht untypisch für ein siebenjähriges Kind. Wer kennt’s nicht. 

Sie schwankt zwischen Vertrauen und Misstrauen zu ihrem Kind , denn die Anschuldigungen stehen im Raum und man weiß nicht, zu was das Kind fähig ist. Vor allem, wenn Luca die ganze Zeit schweigt und sich nicht dazu äußert, was wirklich passiert ist. Im Laufe der Erzählung erfahren wir auch sehr viel aus Pia ihrer Kindheit und sagen wir mal so, Pia hat eigene kleine Monster im Hirnkasterl. Und dann beginnt sie, sehr viel auf ihren Sohn zu projizieren. Die Erzählung wechselt immer zwischen der gegenwärtigen Situation und dem, was in der Vergangenheit passiert ist. 

Das Buch greift Themen wie Vertrauen, Misstrauen, Gentle Parenting und die Gemeinschaft auf und zeigt, welche Auswirkungen Schweigen in der Familie langfristig auf alle Familienmitglieder hat. Das Buch zeigt sehr gut, wie wichtig es ist, die eigene Wahrnehmung nicht als Realität anzusehen. Denn nur weil wir glauben, dass etwas so gewesen ist, heißt es nicht, dass es wirklich so passiert ist. (Aleksandar)

11. Reise nach Laredo – Arno Geiger (Hanser Verlag)

Ein alter, kranker, privilegierter Mann geht in schlechter körperlicher Verfassung auf Reisen. In „Reise nach Laredo“ von Arno Geiger begleiten wir Karl V. im Jahr 1558 auf seiner letzten Reise.

Er hat abgedankt, lebt im Kloster und wartet nun de facto auf seinen Tod (seine Worte!). Wir lesen aus der Perspektive des alten, gebrechlichen Kaisers, der noch schnell ein paar Abenteuer mit seinem Sidekick erlebt. Diese Abenteuer werden oft durch Gewalt ausgelöst oder mit Gewalt gelöst. Ich glaube, es soll darum gehen: Das Leben im Allgemeinen, was wichtig ist im Leben, Überlegungen zur Vergänglichkeit. Das war für mich aber nicht wirklich im Fokus. 

Der Roman ist gut zu lesen und in einigen Momenten schießt die Anxiety vor lauter Spannung ziemlich durch die Decke. Aber für mich war vorwiegend der Ton eines privilegierten Mannes präsent, dessen Input neben der Armut und den Schwierigkeiten, mit denen die anderen Figuren sich konfrontiert sehen, verblasst. Sich dann vorwiegend mit seinen Gedanken und Reflexionen auseinandersetzen zu müssen, war auf Dauer sehr anstrengend für mich. Karl hat mich etwas genervt. (Magdalena)

12. Das Philosophenschiff – Michael Köhlmeier (Hanser Verlag)

Es gibt Dinge, die will man einfach niemandem erzählen. Oder man wird 100 und will sie dann doch noch jemandem erzählen. Im Roman „Das Philosophenschiff“ von Michael Köhlmeier erzählt die Hauptfigur erst im Alter von 100 Jahren von ihrer unglaublichen Begegnung: Im Jahr 1922 war die Hauptfigur im Alter von 14 Jahren mit ihren Eltern nämlich auf dem Philosophenschiff. Ein Schiff, das von der russischen Regierung damals bereitgestellt wurde, um unerwünschte Intellektuelle aus dem Land zu schaffen.

Doch auf dem Schiff ist noch jemand anderer untergebracht: Eine Person, die die anderen Passagiere nicht zu Gesicht bekommen werden. Nur die 14-Jährige, die sich zu ihm auf das Deck schleicht. Diese 100-jährige Frau erzählt ihre Geschichte einem Autor. Sie erzählt also vom Philosophenschiff, von ihren Eltern, wie das Leben in St. Petersburg damals war. Wie die Dynamik zwischen ihren Eltern war. Dass sie selbst bereits sehr jung verhört wurde. Und wie und warum sie eigentlich auf dem Philosophenschiff gelandet sind.

Es liest sich, als würde man ebenfalls im Raum sitzen und diese Geschichte live von ihr erzählt bekommen. Kann ich eigentlich nur allen empfehlen. (Magdalena)

13. Beteigeuze – Barbara Zeman (dtv)

Im Buch begleiten wir Teresa. Teresa liebt Josef und Josef liebt auch Teresa. Aber Josef liebt auch Vera und Teresa mag Vera nicht. Neben dieser Dreiecksbeziehung, die wir das ganze Buch über begleiten, begleiten wir auch Teresa in ihrem privaten Leben. Sie kommt als Kellnerin im Leben nicht voran, kann keinen Job behalten und weiß generell nicht, wohin sie wirklich möchte. Hinzu kommt, dass sie auch psychisch krank ist. Sie hört auch auf, ihre Medikamente zu nehmen. 

Ein ständiger Begleiter für sie ist der Stern „Beteigeuze“ im Sternbild des Orions. Zu dem Stern hat sie eine ganz komische Obsession und irgendwann fängt sie auch an, sich mit diesem zu identifizieren. Neben ihrer Beziehung, ihrem alltäglichen Leben, erfahren wir auch sehr viel über Teresa ihre Familiengeschichte. Und besonders die Frauen in ihrer Familie sind sehr von Trauma und Schmerz betroffen. Am Ende geht Teresa psychisch zugrunde. Sie hat einen mentalen Zusammenbruch und glaubt, sie explodiere wie der Stern Beteigeuze zu einer riesigen Supernova. 

Was uns das Buch genau sagen will? Vermutlich, dass “Frau-sein” oft mit Schmerz verbunden ist. Frauen erfahren viel Gewalt und wir als Gesellschaft sollten uns vielleicht fragen: Warum kommt es zu diesem Punkt, dass Frauen psychisch zugrunde gehen? Und warum haben wir das Gefühl, dass Schmerz nur dann Ausdruck finden kann, wenn er zu einer riesigen Supernova explodiert? (Aleksandar)

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