Stell dir vor, du stehst auf einer Bühne, die Reihen im Saal sind komplett gefüllt, und du hast keine Ahnung, was du sagen sollst. Was für die meisten von uns wahrscheinlich wie ein kleiner Albtraum klingt, passiert jedes Mal, wenn die Darstellenden von Salon Spontan einen Auftritt haben – nur dass die das freiwillig machen.
Mit “One night only” präsentiert Salon Spontan ein improvisiertes Musical. Das heißt: Es gibt keinen vorgegebenen Text, kein Bühnenbild, keine fixierten Choreografien. All das entsteht erst im Spiel, was jede Vorstellung einzigartig macht.
Zu Beginn der Show ist das Publikum gefragt. Ein Motto, ein Schauplatz und eine Geheimzutat werden eingeholt. Ausgehend von diesen drei Dingen improvisieren die Spontanist*innen ein Musical in zwei Akten. Dann geht es auch schon los: Der Vorhang öffnet sich und auf der Bühne steht das zuvor festgelegte Motto des Abends geschrieben.

„Die Vogerl zwitschern schon“
Wenn ich an Musical denke, kommen mir als Erstes Bilder von großen Ensemblenummern, Orchestermelodien und pompösen szenischen Darstellungen in den Kopf. All das gibt es bei Salon Spontan nicht. Doch auch ohne Bühnenbild gelingt es, den Schauplatz der Handlung zu etablieren: Durch die bildlichen Beschreibungen sehe ich nicht eine leere Bühne, sondern einen Garten vor mir, in dem ein Birnenbaum steht, an dem eine Schaukel hängt. Und wenn die Spontanist*innen in einer Autowerkstatt über imaginäre Reifen klettern, die im Chaos des Betriebs herumliegen, habe ich fast den Geruch von Motoröl in der Nase.
Auch wenn es nur drei Darstellende sind, die alle Charaktere verkörpern, zeichnen und kreieren sie eine Vielzahl an unterschiedlichsten Figuren. Durch die unterschiedliche Körperlichkeit und Art zu sprechen ist dabei auch immer sofort klar, welche Rolle gerade auf der Bühne steht – auch wenn sich optisch nichts verändert. So begegnen wir entfremdeten Geschwistern, von denen sie sich um die demente Oma kümmert und er die Autowerkstatt betreibt, seiner Angestellten, die unglücklich in ihn verliebt ist, einem Ehepaar das Wildbienen ansiedeln möchte und besagten Wildbienen – ja, auch die Bienen dürfen singen und tanzen!
Improvisation mit viel Gefühl
Auch wenn einige der Charaktere lustiger angelegt sind, schaffen es die Spontanist*innen dabei immer eine gewisse Ehrlichkeit zu bewahren, anstatt zu tief in die Klischeekiste zu greifen. Insbesondere die Szenen um die demente Oma, verbunden mit den familiären Schwierigkeiten, die dadurch entstehen, waren unglaublich berührend dargestellt.
Ich hätte nicht gedacht, dass ich bei einem improvisierten Musical weinen muss, aber I was wrong! Ursula Anna Baumgartner und Jürgen Kapaun schaffen es, ganz große Emotionen bei mir auszulösen. So ehrlich wirken sie als Geschwister, die zwischen Entfremdung und Verbundenheit stehen und beide ihre ganz eigene Art und Weise haben, mit der Krankheit der Großmutter und ihrem Schmerz umzugehen.

Je kleiner die Bühne, desto wichtiger die Technik!
Was bei einem guten Musical natürlich nicht fehlen darf, sind Musik und Licht. Raphi Grasser feiert seine Premiere mit Salon Spontan und bedient anstelle von Jessica Banniser-Pearce das Technikpult. Die erzeugten Lichtstimmungen schaffen die passende Atmosphäre für die jeweiligen Szenen und verstärken die Emotionen.
Am Klavier begeistert Johannes Peham, der melodische Stimmungen zaubert und die Handlung durch sein Spiel unterstreicht. Auch er muss gänzlich ohne Noten auskommen und sich durch den Abend improvisieren. Dabei hören er und die Darstellenden so sehr aufeinander, dass sogar Ensemblenummern entstehen, die in Mehrstimmigkeit enden.
Wahnsinnig beeindruckend ist Magda Leebs Fähigkeit, Lieder zu improvisieren. Als wäre es nicht schon Herausforderung genug, sich aus dem Nichts Melodien auszudenken, schafft sie es dabei auch noch ihre Reimkünste unter Beweis zu stellen.
Fazit: Einmalig und unvergleichlich.
Mit Improvisationstheater assoziiere ich in erster Linie lustige Dinge. Dieser Abend mit Salon Spontan war so viel mehr als das. Es war lustig, ernst, traurig, teilweise absurd und unglaublich berührend. Die Handlung wurde so schlüssig geführt, die Charaktere waren aufeinander abgestimmt, Namen wurden sich gemerkt und Gesangsnummern zum Besten gegeben, dass ich zwischenzeitlich fast vergessen habe, dass die Darstellenden das Stück selbst zum ersten Mal erleben.
Auch wenn ich es super schade finde, dass diese Show so nie wieder stattfinden wird, ist genau das auch das tolle daran, weil man so immer wieder kommt und etwas völlig Neues sehen kann.