Ende November war im Ballhaus Ost in Berlin Richard Wagner: The Drag Queen von Shlomi Moto Wagner zu sehen. Eine Drag-Performance, die sich mit dem Komponisten Richard Wagner auseinandersetzt und dabei eine Perspektive sichtbar macht, die im kulturgeschichtlichen Mainstream kaum verhandelt wird: Seine Verbindung zu Crossdressing und queeren Lesarten.
Richard Wagner: Vorbild deutscher Männlichkeit & Crossdresser.
Ausgangspunkt des Abends ist die, für viele überraschende, historische Tatsache, dass Richard Wagner Crossdresser war. Auch für mich war diese Information neu. Was weniger an mangelndem Interesse als vielmehr daran liegt, dass dieses Wissen zwar zugänglich ist, aber kaum Teil öffentlicher oder populärer Wagner-Rezeption ist.
Das Stück entwickelt daraus eine bewusst fiktive Erzählung. Shlomi Moto Wagner stellt eine Verbindung zwischen seinem eigenen Urgroßvater und Richard Wagner her und behauptet, dieser sei die Drag-Persona des Komponisten gewesen. Von dieser imaginären Ausgangslage aus führt die Performance in eine Welt aus historischen Dokumenten, Briefen und Notizen. Insbesondere aus dem Briefwechsel zwischen Richard Wagner und Fräulein Berta, der Wiener Putzmacherin. In Wagners Bestellungen tauchen immer wieder pinkfarbene Satin-Stoffe und Damenkleidung auf, die damals für Skandale sorgten. Um dieses Motiv des pinken Satins herum entfaltet sich ein Großteil des Abends.
Knister*Wissen: Eine Putzmacherin ist eine historische Berufsbezeichnung für eine Handwerkerin, die modische Kopfbedeckungen (Damenhüte, Haarschmuck) und Verzierungen („Putz“) für die Damenmode entwarf, gestaltete und herstellte.

Ein Blick in die Queerness und den Antisemitismus.
Formal bewegt sich das Stück zwischen Recherche, Erzählung und Performance. Historische Einschübe werden mit humorvollen, teils sehr witzigen Szenen kombiniert. Besonders in Erinnerung bleibt eine Sequenz rund um einen Aufenthalt Richard Wagners in Wien. In einer Projektion erscheint der Komponist überlebensgroß an der Wand. Es entsteht ein fiktiver Dialog zwischen Schlomi Wagner und Richard Wagner, in dem von Flucht die Rede ist. Am Ende wirft Shlomi Moto Wagner ein pinkes Kleid ins Spiel, und Richard Wagner erscheint darin. Eine Szene, die bewusst mit Erwartungshaltungen spielt und durch ihre Bildhaftigkeit wirkt.
Knister*Wissen: Richard Wagner war so verschuldet, dass er aus Deutschland flüchten musste. Auf der Bootsfahrt erlebte er so einen schlimmen Sturm, dass daraus seine Oper “Der fliegende Holländer” entstand – quasi die Opern-Vorlage zu “Fluch der Karibik”.
Zwischen diesen erzählerischen Passagen gibt es musikalische Nummern, allesamt von Schlomi Wagner selbst komponiert. Inhaltlich greifen sie sowohl Motive aus Richard Wagners Werk auf als auch dessen mögliche queere Lesarten. Unter anderem wird Tristan und Isolde thematisiert. Wobei Shlomi Moto Wagner darauf hinweist, dass sich in Wagners bekannten Opern queere Momente oder zumindest Andeutungen finden lassen – oder dass sie sich zumindest entsprechend lesen lassen.

Lip Sync, Performance und Oper in Jiddisch.
Ein besonders prägnanter musikalischer Moment ist die Neuinterpretation eines Opernausschnitts aus Tristan und Isolde, der von der jüdischen Sopranistin Mima Milo auf Jiddisch gesungen wird. Dieser Teil wurde eigens übersetzt und als Lip-Sync-Drag-Performance inszeniert. Eine Kombination, die für mich außergewöhnlich und bislang unbekannt war. Hier treffen Drag, Lip-Sync und jiddische Opernübersetzung aufeinander und erzeugen einen Moment, der sich deutlich von gängigen Opern- oder Drag-Formaten abhebt.
Als wiederkehrendes erzählerisches Element begleitet außerdem die imaginäre Mutter Shlomi Moto Wagners das Stück. Gleich zu Beginn ruft sie ihren Sohn an und befragt ihn kritisch: Warum macht er Drag, wo er doch eigentlich ein „ernsthafter“ Opernsänger sei? Diese Stimme zieht sich durch den Abend und kommentiert auf persönliche, teilweise humorvolle Weise Schlomi Wagners künstlerische Entscheidungen.
Insgesamt war der Abend sehr unterhaltsam. Teilweise habe ich mir mit der musikalischen Ausrichtung schwer getan: Die Songs sind teilweise sehr “poppig”, auch wenn es sich nicht um klassische Popmusik handelt. Gleichzeitig ist gerade die Mischung aus Drag, Lip-Sync und Oper etwas Neues und Spannendes, das ich so noch nicht erlebt habe.

Es reicht, unperfekt zu sein.
In einem abschließenden Song singt Shlomi Moto Wagner eine Botschaft, zu der das Publikum mitsingen soll. Da habe ich persönlich ausgesetzt, aber die Message war wichtig: Der Song vermittelt die Idee, dass wir in einer unfertigen, unperfekten Welt leben. Manchmal reicht es, diese Unfertigkeit anzunehmen, anstatt sie zwanghaft auflösen zu wollen. Ein sehr gutes Schlussmotiv für den Abend.
“Richard Wagner: The Drag Queen” ist Teil einer Reihe, in der Schlomi Wagner queere Geschichten innerhalb der Opern- und Musikgeschichte sichtbar machen möchte. Auch der Antisemitismus Richard Wagners wird dabei nicht ausgespart, besonders vor dem Hintergrund Shlomi Moto Wagners eigener Position als jüdischer Künstler, der in Israel geboren wurde. Dieses Spannungsfeld ist ein zentrales Thema des Abends und fließt spürbar in die Auseinandersetzung mit dem historischen Material ein.