Marie hat sich im Rahmen der Wiener Festwochen drei Stücke herausgesucht und zusätzlich dazu „Donaugold” von Nesterval, eine Produktion von brut Wien, für euch angesehen. Alles, um das Thema Klima doch noch ein wenig mehr in den Fokus zu rücken.
Manchmal führen Vorbehalte hinters Licht. So auch bei den immersiven Theaterstücken „Wallden” und „Donaugold” des Ensembles Nesterval. In beiden Stücken sollen Gesellschaften im Jahr 2044 selbst noch nach der Apokalypse scheitern. Das klingt nach sehr schwerer und unmotivierender Kost. Zumal solche Szenarien den fahlen Beigeschmack bekommen, dass man sich in solchen Zeiten über die eigene Verantwortung keine Gedanken mehr zu machen braucht. Die Apokalypse ist schließlich schon eingetreten. Doch die Aufmachung täuscht.
Wer hat das Privileg für Donaugold?
Nesterval lässt sein Publikum unangenehm tief in die autoritäre Welt weniger Privilegierter in Donaugold und in die selbstversorgende Kommune in der Natur Walldens eintauchen. Das zwingt einen gerade dazu, sich mit möglichen Zukunftsszenarien und den dort vorherrschenden Werten auseinanderzusetzen. Und das auf Basis von alten Erzählungen. Beide Stücke sind miteinander verbunden und verlagern die germanisch-skandinavische Nibelungen-Heldensage in die nahe Zukunft. Die schon damals verhandelten Themen bleiben aktuell.
In Donaugold wird der Zuschauende zum Überlebenden, der sich für Schutz und Versorgung im Bunker Donaugold behaupten muss. Als Sklave darf er keine Fragen über die Zukunft oder die Anführerin Krimhild stellen. Durch einen dunkel getönten Gesichtsschutz und eine Nummer (statt des eigenen Namens) gesichts- und körperlos gemacht, hat er zu gehorchen: Für einen Drink an der Bar muss er dem Barkeeper die Hose abstauben, Klemmbretter halten oder Spielzeug sein, um zum Favoriten eines Elitemitglieds aufzusteigen.

Das Rätsel Mensch
In dieser Festung wird jährlich ein Opferfest zu Ehren von Göttin Erda abgehalten. Im Rahmen dessen wird im tranceartigen Todestanz und Drogenrausch der Göttin ein Menschenopfer aus den eigenen Reihen geliefert, um den Zugang zu den letzten sauberen Wasserquellen zu garantieren. Bei den Vorbereitungen wird jedoch ein Eindringling aus Wallden entdeckt, der erste Zweifel an Krimhild als Anführerin aufkommen lässt.
Von einem der Donaugolder unter die Fittiche genommen, beginnt das Rate- und Rätselspiel. Wer steht mit wem in Beziehung, wer hintergeht, wer sagt die Wahrheit? Hier werden Vergiftungspläne geschmiedet, es wird vergewaltigt, zu Tode gezwungen und Menschenfett für gesunde Gelenke gesnackt.
Spielballgleich von einem Psychogramm zum nächsten geworfen, werden Zuschauende Zeug*innen der menschlichen Abgründe. Vom Rest der Welt abgeschottet, spiegelt der Mensch sich unendlich in sich selbst. In jeder Ritze ist nur noch er. Es beschleicht einen das Gefühl, dass der Glaube an die Göttin Erda den Versuch darstellt, von sich selbst wegzukommen. Um sich nicht eingestehen zu müssen, dass der Mensch selbst am Welt- und Selbstleid die Schuld trägt.

Liebet, Lebet und Sterbet?
In Wallden lebt die Gemeinschaft nach den neun Geboten der letzten Göttin Erda basisdemokratisch und friedlich zusammen. Hier werden die Zuschauer*innen zum alljährlichen Erntedankfest eingeladen, um von ihrer Lebensweise zu lernen. Das erworbene Wissen soll den Gästen bei der Gründung eigener Kolonien an verborgenen Wasserstellen helfen. Die Gemeinschaft ist herzlich und zugewandt: man streichelt sich, kriegt Tee mit Schuss und Samen geschenkt, hält Händchen, lernt über die Heilwirkung von Apfelessig und Kamille oder wie man in freier Wildbahn Feuer macht.
Doch die ewige Harmonie trügt: Erda, auch die Gründerin Walldens, ist krank und müde. Sie schickt ihren Walküren-Sohn Roßweiße nach Donaugold, um seinen Bruder Waltraude zur Heimkehr zu bewegen – wahrscheinlich, weil sie es nicht ertragen kann, dass ihr eigener Sohn nicht bei ihr ist. Als er ohne ihn zurückkommt und von den Menschenopfern berichtet, verkündet Erda, dass sie sterben will.
Verzweifelt klammern sich manche Walldener*innen am Gedanken fest, dass auch in Wallden ein Menschenopfer die Göttin retten könnte. Dabei fällt die Wahl auf Sigfrid. Einst von Erda aus dem Tod zurückgeholt, soll sie das göttliche Gleichgewicht gestört haben. Die Kommune ist in Aufruhr, soll das Opfer gebracht werden? Manche sind aufgrund der Werte dagegen, manche liebäugeln schon mit dem Platz, den Erda hinterlassen wird, wieder anderen ist es gleichgültig, da sie mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind. Kaum schwindet die göttliche Instanz, wird um die Nachfolge gestritten.

Ein offenes Ende und viele Puzzlestücke
Am Erntedankfest erklärt sich Sigfrid schließlich freiwillig zu sterben, doch die Abstimmung endet unentschieden. Erda stoppt das Geschehen, täuscht Genesung vor und verschwindet heimlich in den anschließenden rauschartigen Festlichkeiten. Ob und wie es Wallden schafft, sich neu zu organisieren, lässt das Stück offen.
Mich hat in beiden Stücken frustriert, das ganze Stück nur durch die Augen eines Charakters zu sehen und dadurch nur Momente zu erhaschen. Das erschwert nicht nur die Nachvollziehbarkeit einzelner Aktionen. In einer Gegenwart, die wahnhaft danach strebt, alles zu verstehen und unter Kontrolle zu haben, konfrontieren Nestervals Stücke mich spielerisch mit der Realität: Als Mensch bleiben einem nur ein paar Puzzlestücke, die niemals ein Ganzes ergeben. Dass mich der Charakter, den ich durch das Stück begleite, nach einer gewissen Zeit zu langweilen beginnt, gehört dabei wohl unweigerlich dazu.
Das Stück holt den möglichen Zusammenbruch gesellschaftlicher Themen in die nahe Zukunft. Das Jahr 2044 werden viele Besucher*innen noch erleben. Je schneller der Kollaps kommt, desto unerträglicher könnten die Folgen sein. Wie wollen wir in dieser immer wahrscheinlicher werdenden Welt leben? Wollen wir uns auf die Natur zurückbesinnen oder in Bunkern leben, als gäbe es kein Morgen? Und auf welche Werte wollen wir unsere Gesellschaften stützen?

Genau darum ist es sehenswert.
Beide Stücke zeigen letztendlich, dass der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen ist. Da ist kein Gott mehr, der über ihnen steht. Sie tragen vollends die Verantwortung für ihr Handeln. Das trifft nicht nur auf die Menschen in Wallden und Donaugold zu, sondern auch auf die Zuschauer*innen, die mit der Aufgabe, eigene Kolonien zu gründen, in die Welt entlassen werden. Dabei zeigen die Stücke auch, dass Gesellschaften in Krisen anfällig sind, sich an jeden Strohhalm zu klammern, der ihnen bleibt. Das führt nicht nur dazu, dass sie ihre Werte verraten, sondern birgt auch die Gefahr, dass sie in einen primitiven Glauben verfallen. Selbst ein Menschenopfer wird plötzlich wieder als akzeptable Lösung angenommen.
Nestervals immersives Theater hat etwas Antikes. Das Tragische reinigt. Die spielerische Distanz zur Realität ermöglicht die Konfrontation mit den eigenen Ängsten und Schreckgespenstern. So lässt es sich leichter in die „wirkliche Welt“ zurückkehren.