Das diesjährige Programm der Wiener Festwochen umfasst insgesamt 35 internationale Produktionen und rund 170 Vorstellungen. Darunter finden sich aber gerade mal sechs Veranstaltungen – zwei Theaterstücke, drei Debatten und eine Filmvorführung – die sich schwerpunktmäßig mit der globalen Erwärmung und ihren Folgen für die Menschheit beschäftigen. Marie hat sich das genauer angeschaut.
In der Debatte mit Vertreter*innen der Tarnac-Gruppe und der Letzten Generation Österreich sollte es eigentlich darum gehen, inwiefern der linke, antikapitalistische Essay „Der kommende Aufstand“ (2007) als religiöser Text verstanden werden kann. Wahrscheinlich deshalb, weil religiöse Schriften (wie die Bibel oder der Koran) auch zukünftig ein Fundament für neue Weltreligionen sein könnten. Daraus erschließt sich aber leider noch nicht, inwieweit ein zwar radikalpolitischer, doch weltlicher – menschenverfasster – Text mit göttlich eingegebenen Offenbarungsschriften vergleichbar sei.
Zu viele Fragen, zu wenig Antworten.
Der Moderatorin schien es wohl ähnlich zu gehen. Nach einer Wiederholung der Ausgangsfrage, inwieweit ihr Essay als religiöser Text verstanden werden kann, nahmen primär die Vorstellung der geladenen Gäste und Gespräche über den Einfluss des Essays auf das Tarnac-Dorf den ganzen Raum und die komplette Zeit ein. Laut Programmheft würden der Tarnac-Gruppe und der letzten Generation „Motive des Messianischen” anhaften. Auf diesen Aufhänger fand die Debatte nicht wirklich Antworten.
Für alle, die sich schon immer gefragt haben, ob die „Letzte Generation” sich aufgelöst hat, weil sie im Gegensatz zur Tarnac-Gruppe keine Gründungsschrift besaß: Nein, das sei nicht der Grund gewesen. Sie wollten keine eigene Ideologie, hieß es in der Debatte.
Gegen die Religion “Kapitalismus”
Die wissenschaftlichen Fakten seien klar gewesen, die letzte Generation wollte die Regierung nur dazu bringen, ihre Aufgaben zu tun. Für sie sei der Kapitalismus die „falsche Religion”. Ihre diplomatische, laut WF „messianische” Lösung, sei es, in Krisenzeiten Gemeinschaften zu bilden und einen Neustart der Demokratie zu versuchen. Klingt ganz vernünftig.
Die Debatte lässt mich jedoch baff zurück. Nicht nur, weil das Gespräch aufgrund unzureichender Moderation nicht hielt, was es versprach. Oder weil der Eindruck entsteht, dass die Überlegungen ein bisschen über das Ziel hinausgeschossen sind. Der Diskurs über die Bedeutung von religiösen Schriften für den Aktivismus im Fall der Letzten Generation führt ins Leere. Sondern auch, weil nicht ausdiskutiert wurde, ob, inwiefern und warum der Tarnac-Gruppe und der Letzten Generation laut Programmheft „Motive des Messianischen und der Erlösung aus einem als zerstörerisch empfundenen System” anhaften würden.
Schließlich versuchen politische, systemkritische Bewegungen zuallererst mal eine Verschärfung der Klimakrise zu verhindern und alternative Lebensweisen zu fordern und auszuprobieren. Sich mit ihren Motiven ernsthaft zu beschäftigen, wäre sicher erhellend.