Erlernte Empathie, vernachlässigtes Eigenwohl und Über-Angepasstheit. Ein verlorenes Ich mit einer emotionalen Lücke, die sich kaum schließen lässt. Die Expertin erklärt, wie es dazu kommt und dass es mehr Betroffene gibt, als gedacht.
Parentifi…was?
Ich weiß, “Parentifizierung” ist ein echt schwieriges Wort. Umgangssprachlich spricht man auch von einer “Verelterlichung”, bei der Kinder in eine Rollenumkehr geraten. Sie selbst werden zu Eltern gemacht, ihre Eltern nehmen die Rolle der eigentlich zu behütenden Kinder ein. Und müssen Aufgaben übernehmen, deren Verantwortung eigentlich bei ihren Erziehungsberechtigten liegt. Beispielsweise müssen Kinder als Kummerkasten für ihre Eltern herhalten, etwa bei Eheproblemen. Oder sie werden durchgehend als Babysitter für ihre Geschwister eingesetzt und müssen sogar die Eingewöhnung in den Kindergarten übernehmen.
Die Autorin und Diplom-Psychologin Jana Hauschild hat sich in ihrem Buch “Das ewig hilfreiche Kind” viel mit der Parentifizierung beschäftigt und hat es sich zum Ziel gemacht, einfühlsam darüber aufzuklären. Sie ist sichtlich bemüht, die Aufklärung einfach und übersichtlich zu gestalten und schafft es, dieses schwerwiegende Thema mit Fachwissen, Fürsorge und ohne mit dem Finger zu zeigen auch für unerfahrene Leser*innen begreiflich zu machen. Sie erläutert verschiedene Gründe, warum es zu dieser Rollenverschiebung kommen kann, beispielsweise durch psychische Erkrankungen, durch die psychische oder körperliche Beeinträchtigung eines Geschwisterkindes oder durch andere belastende Lebenssituationen.
Meist geschieht Parentifizierung ungewollt, da Eltern es eher als eine (vorübergehend) notwendige Hilfe empfinden und darin keine für das Kind belastende Grenzüberschreitung sehen. Daher ist es nicht leicht, diese auch frühzeitig wahrzunehmen – zum eigenen Erstaunen von Hauschild, die es selbst bei Bekannten nicht erkennen konnte.
Soviel mag aber schon jetzt gesagt sein: ein Kind muss oder soll Kind sein dürfen. Selbstverständlich dürfen auch sie Aufgaben im Haushalt übernehmen, allerdings sollten diese altersgerecht sein und die Hauptverantwortung muss schlussendlich immer bei den Eltern selbst liegen. Man spürt, dass dieser Punkt von Hauschild klar gesetzt und als kompromisslos betrachtet wird. Ein Kind darf zudem nie zum Spielball in einem Sorgerechtsstreit gemacht werden, oder als Seelsorger*in, Beziehungsretter*in oder Schiedsricher*in bei Unstimmigkeiten der Erziehungsberechtigten eingesetzt werden.
Wer bin ich und wer darf ich überhaupt sein?
Einige erwachsene Personen werden sich ihrer Verelterlichung erst bewusst, sobald sie zum ersten Mal davon hören, liest man bei Hauschild. Aber wie kann einem das nicht von Anfang an bewusst sein? Die Autorin begleitet die Leser*innen liebevoll durch einzelne Symptomatiken und Beispiele, um ihnen die Komplexität der Parentifizierung näher zu bringen.
Kein Fall gleicht dem anderen, aber alle haben die kindliche Überforderung gemeinsam. Jahrelang mussten sie ihre eigenen Bedürfnisse zurückstecken und angepasst durchs Leben gehen, um keine Probleme mit ihren Eltern zu verursachen. Sie folgen ihrem erlernten Instinkt, machen das, was als nächstes zu tun ist und nicht, was sie eigentlich tun wollen. Auch hier betont die Autorin, dass jede*r Betroffene die erlebte Erfahrung individuell verarbeitet und der Umgang damit in unterschiedliche Richtungen gehen kann. Sie möchte ihre Leser*innen keinesfalls dazu verleiten, ihre eigene Geschichte aufzuwühlen und folglich negativ zu interpretieren. Aber es ist ihr ein Anliegen, dass eine gewisse Sensibilität für die Thematik geschaffen wird, um es für künftige Generationen vermeiden zu können.
Sie geht weiters darauf ein, dass Betroffene Mitgefühl erlernen, um auf etwaige Situationen adäquat reagieren zu können, das Wohl anderer über ihr eigenes stellen und sich selbst dadurch immer mehr verlieren (können). Betroffene plagen Schuldgefühle, wenn sie ihr eigenes Leben selbstbestimmt leben möchten und sich aus dem Teufelskreis befreien wollen. Ihre Selbstständigkeit und Selbstbestimmtheit müssen hart erkämpft werden und fordern Energie, Durchhaltevermögen und den Willen, die unangenehmen Gefühle aushalten zu können. Hauschild betont, wie wichtig es auch hier ist, die gewonnen Stärken der Betroffenen wahrzunehmen und anzuerkennen, dennoch weist sie sanft und klar auf die seelischen Wunden hin, die im selben Atemzug zum Verlust ihrer unbeschwerten Kinderzeit geführt haben.

Und was jetzt?
Um einen leichteren Umgang mit der verlorenen Kindheit finden zu können, versuchen viele Betroffene das Positive in der Parentifizierung zu finden, beschreibt die Autorin Jana Hauschild. Ja, wir sprechen hier von “verloren”, denn immerhin hinderten sie all die aufgezwungenen Verantwortungen daran, eine angemessene Kindheit haben zu dürfen. Es geht für sie weiterhin nicht darum, sich darauf auszuruhen, einen Sündenbock für eigene Probleme gefunden zu haben, sondern durch das neue Wissen den Mut und den Veränderungswunsch aufzubringen, sich seinen eigenen Themen zu stellen. Als Betroffene sehen sie sich als ideale Helfer*innen mit einem starken Einfühlungsvermögen, doch wie sieht es eigentlich in ihrem Inneren aus? Konstante Schuldgefühle, die innerliche Verpflichtung, die Bedürfnisse ihrer Eltern und anderer Personen zu priorisieren und nicht in der Lage zu sein, die eigenen Wünsche wahrzunehmen. Wie denn auch, wenn man sich den eigenen Bedürfnissen kaum widmen kann?
All das könnten einige Auswirkungen der Verelterlichung sein, erfährt man in Hauschilds Buch. Um mit sich selbst ins Reine kommen zu können, braucht es unter anderem ein unterstützendes und liebevolles Umfeld, Selbstfürsorge, die Offenheit, sich seinen Themen zu stellen und Hobbies für mehr Leichtigkeit und Freude.
Wenn du dich selbst angesprochen fühlst oder jemanden kennst, der*die Hilfe benötigt: es ist nie zu spät. Auch im Erwachsenenalter ist es möglich, an seinen Problemen zu arbeiten, auch wenn man die Vergangenheit nicht rückgängig machen kann. In der Praxis geht man grundsätzlich davon aus, dass man auch dem Kind hilft, wenn man die Eltern unterstützt – je früher, desto besser. Es gibt einige Beratungsstellen und auch Psychotherapeut*innen, die in solchen Fällen unterstützen.
Warum dieses Buch wichtig ist.
“Das ewig hilfreiche Kind” ist ein großartiges Werk, das endlich das zur Sprache bringt, was seit Generationen passiert. Jana Hauschild betont, dass Parentifizierung in allen Kulturen, Gesellschaftsgruppen und Ländern vertreten ist und das Bewusstsein der Menschen braucht, sodass den betroffenen Familien – insbesondere den Kindern – geholfen werden kann. Jede*r Betroffene geht anders mit erlebten Erfahrungen um und wird es je nach Persönlichkeitsstruktur, Dauer und Ausmaß der Parentifizierung anders verarbeiten. Dennoch ist das keine Erlaubnis dafür, Kinder bewusst in diese Situation zu bringen, denn laut der Autorin soll die Verantwortung immer bei den Eltern bleiben, um den Kindern ein gesundes Aufwachsen zu ermöglichen.
Dieses Buch ist verständlich und leicht für Laien und Erfahrene geschrieben. Es gibt einen Einblick in eine schwere Materie, aus der man mit frischem Wissen und einem neuen Mindset rausgeht. Es hilft, Worte für ein häufig verborgenes Geschehen zu finden und auch Awareness zu schaffen. Jana Hauschild schreibt mit klarer Haltung und direkter Sprache gepaart mit Wertschätzung, Wohlwollen und wertfreier Fürsorge für Betroffene und Ausübende der Parentifizierung. Mit diesem Buch fühlt ihr euch verstanden und könnt den Anstupser bekommen, den ihr vielleicht braucht.
Beltz Verlag, 2026