Wie eine Erkrankung das durchgeplante Leben von Julianne auf den Kopf stellt und es dabei noch viel wertvoller macht.
Manchmal muss man das Konzept des Lebens nochmal überdenken, denn es kann sich alles blitzartig ändern. Es gibt bestimmte Situationen im Leben, die einen wachsam werden lassen. Die Demenzerkrankung von Juliannes Vater ist so eine Situation. Sie gibt Einblick darin, wie schleichend Veränderungen kommen können und wie unaufhaltbar sie werden – und was es benötigt, um sich damit zu arrangieren.
Und plötzlich ist alles anders.
Protagonistin Julianne ist eine strukturierte Frau, die schnell an ihre Grenzen stößt, wenn Unerwartetes eintritt. Sie geht einem geregelten und einfachen Job im Schulbüro nach und lebt mit ihrem Mann und Sohn ein unaufgeregtes Leben. Lediglich die Dysphasie ihres Sohnes Charlie macht ihr Sorgen. Die bleibt auf Dauer jedoch nicht ihre einzige Sorge, denn ihr Vater zieht nach einem selbstverschuldeten Hausbrand bei ihr ein.
Er ist der Inbegriff eines Freigeistes und lebt sein Leben ohne Rücksicht auf Verluste, orientiert sich rein nach seiner Laune. Das führt immer wieder zu Reibereien zwischen dem Paar. Julianne bemerkt, dass ihrem Vater gewisse Dinge nicht mehr gelingen und sie beginnt, eine Ursache für seine kognitive Verschlechterung zu finden. Als Demenz im Raum steht, ist ihr klar, dass sie alles dafür tun wird, ihm ein schönes Leben zu ermöglichen. Auch, wenn sie sich dafür selbst aufopfern muss.
Begleiten mit Herz und Respekt
Mit Neugier und großer Wertschätzung begleitet man als Leser*in die Detektivarbeit von Julianne, die alles versucht, um ihrem Vater zu helfen. Die Diagnosen sind nicht klar, doch die Beeinträchtigung im Alltag ist stark wahrzunehmen. Er vergisst wesentliche Details, kann die Uhrzeit nicht mehr lesen, die Jahreszeiten nicht mehr richtig zuordnen und sucht immer wieder seine Gesundheitskarte.
Die Sorgen und das Unbehagen der Tochter schwingen mit jeder neuen Erkenntnis mit. Wie soll man seinem Vater, der sein Leben lang für einen gesorgt hat, so eine niederschmetternde Nachricht überbringen? Die Ärzt*innen sind sich uneinig und auch ihr Vater wird emotional und körperlich von den verschiedenen Stadien der Erkrankung überflutet. Auch er merkt, dass er kognitiv und körperlich nicht mehr so ist wie früher, und reagiert mit großer Wut, Verwirrtheit, Trotz sowie Zurückgezogenheit.
Als Leser*in erlebt man ein Wechselbad der Gefühle, die Verzweiflung der Tochter ist sehr präsent. Genauso die Angst, ihren Vater damit zu konfrontieren, da es ihm womöglich die Lebenslust nehmen würde. Sein schwarzer Humor holt Julianne jedoch immer wieder in das Hier und Jetzt zurück und zeigt, dass unter all den Einschränkungen immer noch ihr geliebter Vater steckt.

Bis wohin kann man gehen?
Als Leser*in wird man in der Geschichte hin und hergerissen. Egal wie stark die kognitiven Einbußen des Vaters sind, es schwingt immer die Hoffnung mit, dass seine Persönlichkeit so stark ist, dass er das Leben weiterhin genießen kann. Berührend behandelt Autorin Virginie Grimaldi die Vater-Tochter-Dynamik und zeigt, wie viel Liebe bleibt – auch wenn in der Vergangenheit belastende Dinge passiert sind.
Die Protagonistin kämpft mit den Einschränkungen, die das Leben ihres Vaters betreffen. Wie zum Beispiel den Abbau der eigenen Fähigkeiten, oder den Verlust seiner Selbstständigkeit. Oder sie erfindet Notlügen, um Schlimmeres zu verhindern. Zum Beispiel erklärt sie ihm, sein Auto sei nicht mehr zu reparieren, anstatt ihm zu erklären, dass er einfach nicht mehr in der Lage ist, ein Auto zu lenken.
Julianne lebt mit der ständigen Ambivalenz zwischen Verantwortung geben und Verantwortung übernehmen. Sie verliert in dieser schwierigen Zeit aber auch den Optimismus nicht. Besonders berührend ist die letzte gemeinsame Reise in die USA zu Juliannes Schwester, um dem Vater seinen Herzenswunsch zu erfüllen: auf der Route 66 fahren und den Wurzeln der indigenen Völker zu folgen.
Eine Erinnerung, das Leben zu genießen.
Grimaldi erzählt die ungewollte Rollenumkehr des Vater-Tochter-Gespanns wunderschön. Besonders die Entwicklung ihrer Beziehung und den Zerfall seiner Person so mitzuerleben berührt zutiefst. Es schenkt gleichzeitig viel Hoffnung für den Umgang mit dieser Erkrankung, sowohl im eigenen Umfeld als auch in anderen Kontexten.
Die Charaktere sind so echt und nachvollziehbar beschrieben, dass sie einen mit auf ihre Reise nehmen, ohne dabei aufdringlich oder angsteinflößend zu sein. Man würde die Figuren gerne selbst liebevoll begleiten und mutmachende Worte zusprechen, um ihrer Situation die Anspannung und Schwere zu nehmen. Ich liebe auch die Entwicklung von Julianne: sie wird immer mutiger und gelöster. Am Ende findet sie auch wieder mehr zu sich, ihren Bedürfnissen und kindlichen Freuden. Sie wirkt im Laufe des Romans immer mehr wie ein neuer Mensch, der diese Erfahrung gebraucht hat, um wieder zu den eigenen Wurzeln zu finden und Spaß am Leben zu spüren.
Insbesondere das letzte Kapitel ist sehr emotional. Julianne geht wertschätzend und würdevoll mit dem Leben des Vaters um und gibt alles, um ihm seine letzte, bewusst erlebte Zeit besonders schön zu machen. Dieser Roman erinnert daran, jeden Augenblick zu genießen, da sich alles jederzeit ändern kann. Viele Tränen, viel Gefühl und ganz viel Liebe!
Penguin, 2026