Im Rahmen der Spielzeiteröffnung wurde viel gefeiert, gejubelt und gestaunt. Ich durfte bei “Kinder machen Theater”, dem Opening Act der “The Unpredictables” und der Uraufführung und zugleich Premiere von “Die Festung fällt” dabei sein. Ein Abend, der viel Begeisterung, Hoffnung und zuletzt auch schmerzhafte Klarheit in mir hervorgebracht hat.
Eine Woche, wo der Nachwuchs das sagen hat
Mit Beginn der Spielzeiteröffnung gehört das Dschungel Wien für eine Woche den Kindern. Die Kleinen dürfen selbst Theater , das die Begleitpersonen, Eltern, Bezugspersonen, wie auch Geschwisterkinder kennenlernen dürfen. Doch sie alle müssen sich dem fügen, was die Kleinen entscheiden.
In der genialen Produktion “Kinder machen Theater” haben die kleinen Theaterliebhaber*innen ein Jahr lang in der Theaterwerkstatt des Dschungel Wiens (ab 8 Jahren) an diesem Projekt gearbeitet. Es entstand eine einstündige Bühnen-Experience, wo die Kinder verschiedene Theaterjobs übernehmen. Von Licht bis Ton, über Schauspiel und Special Effects durften andere Kinder, wie auch Erwachsene, die Abteilungen unter der Leitung der Werkstattkinder ausprobieren. In kürzester Zeit hat jede Abteilung ihren Beitrag zur Show einstudiert. Und wir durften sehen, was der Nachwuchs mit viel Fleiß erarbeitet hat.
Mit tollen Effekten, viel Spaß und Kindern, die förmlich vor Begeisterung, Stolz und Kreativität platzen, ist es ein einzigartiges partizipatives Erlebnis entstanden, dass alle ehemaligen Theaterkids, neue Theaterfans und junge Nachwuchskünstler*innen zusammenbringt und sie das magische Wunderwerk Theater erleben lässt. Die jungen Werkstattteilnehmer*innen haben mithilfe der Theaterpädagog*innen und mit viel Leidenschaft dieses Stück auf die Beine gestellt. Dank solcher Projekte des Dschungel Wien wird der Nachwuchs für die Theaterwelt begeistert. Denn hier werden Inklusivität und Offenheit gelebt – und die Liebe zur Kultur.
Let´s cypher!
Gleich im Anschluss an diese einzigartige Show, gab es eine Zwischenperformance von “The Unpredictables” am Vorplatz des Dschungels. Junge B-Boys (auch Breaker genannt), die mithilfe einer kurzen, imposanten Geschichte über Ausgrenzung und Zusammenhalt ihre Tanzkünste zum Besten gaben und mit ihrer Botschaft, wie auch Skills das Publikum begeistert haben. Mit Tanz, Rap und DJ-ing ist ein beeindruckendes, rhythmisches Tanzerlebnis entstanden, das Bock auf mehr macht. Und das gibt es auch: Ab Oktober findet alle zwei Monate das Breaking Battle “City Jam” statt, in dem man sein Können unter Beweis stellen und präsentieren kann, aber auch neue Erfahrungen und Skills mitnehmen kann. Hier kann man Teil einer großartigen Community werden, wo alle willkommen sind, egal ob blutige*r Anfänger*in oder fortgeschrittene*r Tänzer*in. Mit einem offenen Cypher am Ende haben sie schon mal einen Einblick in die künftigen Battle-Events gegeben – begleitet von großem Applaus.

Toxische Männlichkeit, die an Absurdität grenzt und schmerzt
Vor dem feierlichen Ausklang präsentierte das Kinder- und Jugendtheaterhaus noch ihre Uraufführung, Premiere und Gewinnerstück der MAGMA-Nachwuchsförderung “Die Festung fällt”. SIe zeigt einen Blick auf eine destruktive Welt voller toxischer Männlichkeit. Inhaltlich geht es um zwei Brüder, die ein sturmfreies Wochenende ohne ihre Eltern verbringen.
Der kleine Bruder, der sich selbst als Knappe bezeichnet, lebt intensiv in seiner Welt rund um Camelot und König Artus, welche er mit Lego-Figuren eindrucksvoll nachstellt. Daneben gibt es seinen älteren Bruder, den er Hüne nennt, der sich voll und ganz der von Social Media vorgegebenen Selbst-Optimierung hingibt. Von perfekter Jawline bis zum Kampf für ein perfektes Rating als idealer Chad (quasi die beste Version eines Mannes), gibt er alles, damit er in der abstrusen, digitalen Welt namens Clavicula Teil werden kann. Auch der Knappe verschafft sich heimlich einen Einblick in diese sonderbare Sphäre, in der gänzlicher Optimierungswahns mit feindlichem Frauenbild gekoppelt wird. All das unter der Leitung eines Anführers, dessen Männlichkeitsideale man scheinbar niemals erreichen kann.
Durch den Einsatz von beeindruckenden Projektionen, bemerkenswerter schauspielerischer Leistung und skurrilen Momenten, die humorvolle Essenzen bringen, ist es eine schmerzhafte Offenbarung für alle jene, die es bisher geschafft haben, von dieser destruktiven digitalen Welt fernbleiben zu können. Aufgrund der Absurdität vieler Aussagen und Sichtweisen der toxischen, männlichen Protagonisten kann man oft einfach nur lachen. Auch, wenn sich das unfassbar falsch anfühlt. Dieses Belächeln ist nämlich notwendig, um diese schmerzhafte, toxische Parallelwelt allein vom Zuhören ertragen zu können.
Es überkommt einen ein Schauer, wenn man daran denkt, wie aktuell und verbreitet diese frauenfeindliche und krankhaft selbstoptimierungs-bezogene Scheinwelt ist. Und zugleich kommt die furchtbare Realisation auf, wie rückschrittlich man in so einer fortschrittlichen Welt sein kann. Also “Nichts wie raus hier!”.
