Mit „Lady Magnesia“ und „Zweimal Alexander“ feiert die Kammeroper ihre vorerst letzte Premiere. Präsentiert werden zwei nur selten gespielte Opernparodien, die mir wohl länger im Gedächtnis bleiben werden.
Es gibt Opernabende, bei denen man sich entspannt zurücklehnt, der Handlung folgt und am Ende genau weiß, wer wen warum liebt, betrügt oder ermordet hat. Und es gibt Opernabende, bei denen Menschen Gips essen, Gemälde zu sprechen beginnen und man irgendwann aufhört, die Logik zu suchen. Willkommen bei „Lady Magnesia“ und „Zweimal Alexander“, dem ebenso schrägen wie unterhaltsamen Doppelabend der Kammeroper.
„Oper muss man nicht immer verstehen.“ Selten hat sich ein Satz aus einer Werkeinführung als so hilfreich erwiesen. Beide Stücke sind nur einen Akt lang und behandeln im Prinzip dasselbe Thema. Ein Ehemann verdächtigt seine Frau der Untreue. Was daraus entsteht, sind allerdings keine klassischen Eifersuchtsdramen, sondern zwei ziemlich schräge Parodien, mit komplett unterschiedlichen Ausgängen.

Eine Ehekrise in Pastellfarben
„Lady Magnesia“ macht den Anfang. Die Geschichte rund um Sir George, seine Frau Magnesia und ihren Verehrer Adolpho bewegt sich irgendwo zwischen Krimi und Fiebertraum… aber I’m kinda living for it. Morde werden geplant, Vergiftungen wieder rückgängig gemacht, Gipsbüsten eingeschmolzen, Wände eingerissen und am Ende will sich das Ehepaar weiterhin gegenseitig an die Gurgel. Das klingt chaotisch und ist es auch ein wenig. Trotzdem habe ich gelacht und mich danach in ein Rabbithole über den Komponisten Mieczysław Weinberg gestürzt. Erst 2012, ganze 37 Jahre nachdem die Oper geschrieben wurde, fand die Uraufführung statt. Wahrscheinlich spricht hier der Empath aus mir, aber mich machen posthume Erfolge immer irgendwie melancholisch. Obwohl ich zugeben muss, dass ich verstehe, warum dieses Stück nicht unbedingt für jede Person etwas ist.
Musikalisch verlangt „Lady Magnesia“ seinem Publikum einiges ab. Die Oper setzt bewusst auf eine äußerst experimentelle Tonsprache. Wer zum ersten Mal eine Oper besucht und auf launige, eingängige Melodien hofft, wird hier vermutlich nicht besonders glücklich werden. Gleichzeitig ist gerade das total spannend und hat auch seinen Reiz. Man merkt, dass hier bewusst mit den Erwartungen gespielt wird, was eine Oper sein muss. Das spiegelt sich auch im Bühnenbild wider. Die Wände in Türkis und Pastelltönen wirken gleichzeitig retro und wie von einem anderen Planeten. Im Mittelpunkt stehen zwei Betten mit überdimensionalen Füßen (ja, ihr habt richtig gelesen). Die Darsteller*innen tragen Perücken aus weißen Perlen und Kostüme, die wahrscheinlich auch exzellent an einer Drag Queen aussehen würden.
Speziell Wilma Kvamme, die in diesem Akt die Haushälterin Phyllis spielt, möchte ich lobend erwähnen. Mit ihrer herrlich genervten Grundstimmung wird sie für mich immer wieder zum Mittelpunkt des Geschehens.

Wer ist eigentlich Alexander?
Nach der Pause folgt mit „Zweimal Alexander“ von Bohuslav Martinů der Nachschlag an Absurdität. Alexander gibt sich als sein eigener Cousin aus, um die Treue seiner Frau zu testen. Spätestens danach löst sich die Handlung jedoch zunehmend von jeder logischen Erzählstruktur. Träume und Fantasien gehen ineinander über. Es wird wild rumgemacht. Ein sprechendes Gemälde kommentiert das Geschehen und ob man Alexander einmal, zweimal oder dreimal sieht, ist irgendwann wurscht.
Ich finde es gut, dass „Zweimal Alexander“ erst nach der Pause kommt. Nach „Lady Magnesia“ hat man bereits gelernt, das Unerwartbare zu erwarten und kann sich dann gut auf das zweite Stück einlassen. In „Zweimal Alexander“ gipfelt nämlich der Weirdness-Faktor und der Interpretationsspielraum wird immer größer. Muss man mögen – ich fand’s spannend.
Was aber beide Produktionen eint, ist die enorme Spielfreude des Ensembles. Jacob Phillips sorgt als Adolpho für einige Lacher, Josefine Göhmann singt in beiden Akten fantastisch die weiblichen Hauptrollen. Peter Kirk zeigt seine Bandbreite, indem er einerseits den ziemlich gruseligen Sir George und andererseits den flirty Oscar darstellt. In der Pause kam ich mit einer Besucherin ins Gespräch, die mir sagte: „Es ist schräg. Aber ich hab’s gern ein bisschen schräg.“ Vermutlich beschreibt das diesen Abend besser als jede Inhaltsangabe. „Lady Magnesia“ und „Zweimal Alexander“ werden sicherlich nicht jedermanns Sache sein. Der Doppelabend verlangt Bereitschaft, sich überraschen zu lassen. Wer genau das sucht, ist hier richtig.
Und vielleicht ist das die schönste Art, wie sich die Kammeroper vorerst verabschieden kann: nicht mit einem sicheren Publikumsliebling, sondern mit zwei Werken, über die man noch auf dem Heimweg diskutiert.