…wo Kultur noch für alle ist

Verstörendes Spiel mit politischer Botschaft ** Good Morning Boys and Girls – Juli Zeh

Veröffentlicht 12. Aug., 2026

Zum Kulturmagazin

Vier Theaterstücke, die kurios und absurd von einem Ausnahmezustand in den nächsten springen –  und sich dabei verdammt echt anfühlen. 

Juli Zeh, Autorin, Juristin und Richterin, ist bekannt für ihre politischen Werke, die den heutigen Zeitgeist einfangen und bildlich wiedergeben, was viele nicht sehen möchten. In diesem Sammelband sind vier ihrer Theaterstücke gedruckt, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Sie alle tragen aber die selbe Schwere, Kälte, Kritik und Problematik in sich. 

Ein moralischer Konflikt, der Rassismus und Sexismus gleichermaßen begrüßt: “Der Kaktus”

Der impulsive und von sich selbst überzeugte Jochen der Bundespolizist GSG9 bringt einen grünen, stacheligen Terrorverdächtigen aufs Revier. Dabei wird er von dem verträumten und unbeholfenen Polizist Cem und der intelligenten und politisch aktiven Polizeianwärterin Susi ungewollt unterstützt. Sie versuchen alles aus dem Verdächtigen herauszubekommen. Doch dieser ist und bleibt ein grüner Kaktus. Als dann auch noch Dr. Schmid vom BKA dazu kommt, bricht das komplette Chaos aus. 

Cem wird durch seine Naivität ein Spielball des Systems. Im Gegensatz zu Susi, die als einzige weibliche Akteurin nicht nur Sexismus ertragen muss, sondern der trotz ihrer Willenskraft auch keine ehrliche Beachtung geschenkt wird. Jochen ist ein sensibler Kerl mit harter Schale, der alles für das Gute geben will und letztlich kläglich scheitert. 

Juli Zeh bearbeitet in diesem Stück tief sitzende rassistische und sexistische Glaubenssätze. Sie zeigt auf, wie sich die Überzeugungen und Handlungsweisen der Protagonist*innen unter enormen Druck und bevorstehender Bedrohung verändern. 

Dystopie mit banalem Geschwafel und radikaler Akzeptanz: “203”

Das Zimmer “203” ist ein furchteinflößender Irrsinn, der irgendwie gar nicht so weit hergeholt ist. 

Betty und ihre Eltern, Leo und Christa, verbringen ihre Tage im Zimmer 203 und leben Tag für Tag die gleiche Routine. Thomas, der nun plötzlich Teil dieser Familie ist, wacht auf und ist fassungslos, was um ihn herum passiert. Die vier führen ernsthafte und klärende Gespräche und werden durch sinnlose Parallelgespräche der anderen Familienmitglieder dauernd unterbrochen. Im Hintergrund werden die Bewohner*innen dieser Einrichtung für die Reichen gemästet und regelmäßig für diesen Zweck abgeholt. Thomas versucht dagegen anzukämpfen, doch merkt schnell, dass es sich um eine Sackgasse handelt. Es hilft nur mehr die radikale Akzeptanz für ein – wenn man es überhaupt so nennen kann – “wohligeres” Befinden. 

Es ist eine schaurige, dystopische Darstellung, in der nur mehr reiche Menschen zählen. Nach jeder Szene wird einem das Unheil bewusster und es hinterlässt Verzweiflung und Unbehagen beim Leser*in. Leider realisiert man auch, dass diese Storyline gar nicht so weit hergeholt ist.

Politisches Wirrwarr, festgefahrene Regeln und keine Kompromisse: “Yellow Line”

Auch hier trifft Juli Zehs beeindruckend erzählte Realität auf einen fiktionalen Geniestreich. 

Der nordafrikanische Fischer Asch-Schamich ist untröstlich, denn nach einem Unfall ist sein Fischerkollege und Freund Mubarak verschwunden. Eine Kuh ist auf Asch-Schamichs Boot vor der libyschen Küste gestürzt, wodurch sich Frontex (Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache) gleich dem Fall angenommen hat und ihm illegale Migration vorwirft. Dabei will der Fischer aber einfach nur nach Hause. Die Gesetze lassen das aber nicht zu und zwingen ihn tatsächlich zur illegalen Immigration. 

Parallel zu dieser Handlung lernen wir Paul kennen, einen Webdesigner, der unter den rechtlichen Vorschriften und den manipulierenden Erwartungen der Regierung leidet. Er zweifelt an der kontrollierenden, modernen Gesellschaft und sieht nur feste Regeln statt Freiheit. Künstlerin Helene, Pauls Partnerin, verkauft sich und ihren Körper währenddessen im Rahmen eines Kunstprojektes und sieht es als wertvollen Beitrag zur Kultur. 

Eine kuriose und verstörend real wirkende Erzählung, die im Kopf noch ordentlich nacharbeitet. Trotz der Schwere des Themas schwingt immer eine gewisse Lächerlichkeit mit, die hilft, auch zwischendurch mal aufzuatmen – und sogar wegen Unverständnis Lächeln zu können.

Good Morning Boys and Girls - Juli Zeh (c) picture alliance, Erwin Elsner
Good Morning Boys and Girls – Juli Zeh (c) picture alliance, Erwin Elsner

Klischee-Amok, Teenie Getue und die bösen Shooterspiele: “Good Morning Boys and Girls”

Immer diese bösen Shooterspiele, die Menschen zu echten Killern machen. Mit diesem Leitbild begibt sich die Autorin in das Stück “Good Morning Boys and Girls”. Dieses Stück ist eine Kombination aus Fiktion und echten Berichten über Terroranschläge an Schulen. 

Cold fällt schon im Deutschunterricht durch seine blutrünstigen und gewalttätigen Geschichten auf. Seine psychischen Probleme kommen im Text sehr gut zur Geltung und zeigen, dass er, jedenfalls in seiner Gedankenwelt, das einzig richtige tut. Dabei wird er auch noch von einer weiteren Außenseiterin seiner Schule unterstützt. 

Der Text wechselt zwischen aktuellen Auseinandersetzungen zwischen den des Täters und der von Cold gestarteten Aufklärung, wie es zu allem kam. Verdammt echt, beunruhigend und mit einem letztlich starken Unwohl Sein hat man auch hier einiges zu verarbeiten.

Verdammt echtes Theater.

Es ist schwer, die Theatralik ihrer Werke in Worte zu fassen, da sie Vieles in mir auslöst. Ihre Stücke sind skurril und makaber zugleich und transportieren zwischen den Zeilen viel Mut zur Ehrlichkeit, ernsthafte Kritik und politischen Wahnsinn. Besonders bei “Good Morning Boys and Girls” und “203” läuft einem buchstäblich ein Schauer über den Rücken. Trotz der Kuriosität sieht man beängstigend viel Realität durch die Fiktion durchblitzen. Es fühlt sich teils echter an, als man eigentlich möchte. Man merkt trotzdem, wie kalt einem gewisse Szenen lassen, da man sich spätestens nach dem zweiten Theaterstück an diesen Inhalt gewöhnt hat. 

Ihre Werke sind ein überspitzter Spiegel der aktuellen politischen Situation. Mit einer guten Prise Ironie und stereotypischen Übertreibungen, die mich vieles hinterfragen lassen. Man fragt sich oft, was zum Teufel man da eigentlich gerade gelesen hat. Und wie sehr es einen beschäftigt – oder dass es im Kern gar nicht so abwegig und absurd ist wie gedacht. 

Es sind vier eindrucksvolle und meinungsstarke Stücke, die fließend zwischen Fiktion und Realität wechseln und einen enorm wichtigen Beitrag zu unserer Gesellschaft leisten. Das ist pures Theater. Und ich hoffe, dass ich diese Werke bald auf den Bühnen erleben darf.

Luchterhand, 2025

Zum Kulturmagazin