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Wenn die Vergangenheit einen letztlich einholt ** Letzter Akt – Andreas Schäfer

Veröffentlicht 30. Okt., 2026

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Wie ist es, ein Leben im Rampenlicht zu führen? Wenn der Ruhm zu einer schützenden Festung wird, die aber über die Jahre immer mehr zu bröckeln beginnt? Und wonach sehnt man sich in diesem Umfeld wirklich? 

In “Letzter Akt” tauchen wir in das berühmte Leben von Dora ein, einer begnadeten Schauspielerin voller Talent und Leidenschaft. Der Kampf gegen Schuld, Sehnsucht und die negativen Seiten der Berühmtheit ist zwar schwer, aber noch auszuhalten. Bis der schmerzhafte Moment der Befreiung eintritt. 

Eine Sehnsucht, die (hoffentlich) gestillt wird

Nach der Premiere trifft die Schauspielerin Dora auf einen mysteriösen, recht wortkargen Mann, mit dem sie die Nacht verbringt. Aus diesem One-Night-Stand entwickelt sich eine innige und teils schon fanatische Beziehung zu diesem Mann, der ihr die Ruhe und die Anonymität schenkt, die sie dringend gebraucht hat. Sie denkt ständig an Victor, den Künstler, von dem sie kaum etwas weiß, und spürt das starke Verlangen, ihn in ihre Welt eintauchen zu lassen. 

Doras starke Emotionen, ihre inneren Stimmungsbilder und ihr kreativer Ausdruck werden wunderschön beschrieben und finden eine ganz persönliche, ausdrucksstarke Sprache, die einen bemerkenswerten Einblick in ihre innere und äußere Bühne gibt. Dora und Victor sind wie eine Kollision zweier Sphären, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber durch ein festes, unsichtbares Band der Kunst zusammengehalten werden. Sie denkt darüber nach, sich auch der befreienden Kunst der Malerei hinzugeben, da die Schauspielerei – besonders als alternde Frau – nur mehr beschränkte Mutterrollen zu bieten scheint. Eines Tages verspürt sie den Drang, sich von Victor zeichnen zu lassen. Es entsteht ein fast schmerzhafter Prozess, der von künstlerischer Leichtigkeit in anstrengende Verzweiflung und Ungeduld übergeht und letztlich zum großen Zusammenbruch führt.

Der Wunsch undurchschaubar zu sein – und sein hoher Preis 

Im Anschluss an Doras Lebensphase mit Victor gibt es einen sentimentalen Rückblick auf ihre Schulzeit mit Vera. Vera war ein lautes, auffälliges Mädchen, das sich schon bald an Dora heftete und ihre Nähe suchte. Nach anfänglichem Sträuben gibt Dora sich dieser Freundschaft hin und findet in dem Mädchen einen Menschen, dem sie voll und ganz vertrauen kann. Diese interessante Beziehungsdynamik zwischen den beiden ist geprägt von Innigkeit, Verständnis und dennoch viel Geheimnisvollem. 

Veras quälende Vergangenheit wird nie groß besprochen und Doras fester Zukunftswunsch auch nie thematisiert. Als Vera den Wunsch äußert, nach Paris auszuwandern, ist Dora überfordert. Sie bringt es nicht übers Herz, Veras Fantasie zu zerstören und schwindelt, dass sie mitkommt. Aus einem ursprünglich träumerischen Plan entsteht leider eine schmerzhafte Entzweiung, denn Dora meidet die naive Vera, was letztlich in einer Tragödie endet. 

Das Band, das einfach nicht zerbrechen will

Fünf Jahre nach Doras Zusammenbruch trifft sie in Schottland wieder auf Victor. Es ist ein für mich äußerst unangenehmes und empathieloses Gespräch, in dem der Künstler endlich zugibt, Dora belogen zu haben. Ihre Berühmtheit war ihm bewusst und er hat ihren Erfolg egoistisch, heimlich und ohne Reue zu seinen Gunsten genutzt. Das schildert er mit banalen, unaufgeregten und lieblosen Worten, so dass man ihm als Leser*in am liebsten die Leviten lesen würde (oder auch mehr). Dora konnte ihn die letzten Jahre dennoch nie wirklich loslassen und fühlt, dass sie mit ihm ein künstlerisches Band verbindet. 

Durch ihren psychiatrischen Aufenthalt, bei dem die Schauspielerin alte Verletzungen und Themen offenbar aufarbeiten konnte, hat sie die Kraft und Offenheit gefunden, ihre Schauspielrollen zu erweitern, ihre Beziehungen positiv zu verändern und auch ihrer Freundin Vera mehr Raum in ihren Gedanken zu geben. Hier öffnet sich die Protagonistin erstmals und zeigt sich von ihrer verletzlichen Seite, die sonst hinter ihren gespielten Schauspielrollen verborgen blieb. Die mutige und offene Art, wie sie mit dem Künstler über ihre gemeinsame Vergangenheit spricht, berührt einen zutiefst und lässt einen die wahre Dora kennenlernen. Niemand hat Vera so gesehen wie Dora, weshalb Vera auch immer ein Teil ihres Lebens sein wird.

Applaus für diesen tiefgründigen, melancholischen Roman!

Ein grandioser Roman, der die emotionale, beeindruckende und zugleich komplexe Welt der Kunstschaffenden widerspiegelt und den peinigenden Schmerz der Vergangenheit wieder aufleben lässt. Andreas Schäfer hat ein unfassbar gutes Gefühl für die Welt der Schauspielerei und der Malerei und schildert deren künstlerisches Schaffen und innere Prozesse mit solcher Leichtigkeit und lebendigem Ausdruck, dass man sich ab der ersten Seite in Doras Welt fallen lassen kann. Mit seinen wohldurchdachten Worten schafft er expressive Bilder, die eine einzigartige, undurchschaubare Atmosphäre erzeugen. 

Sein Gespür für die Charakterzüge und die Gedankenwelt der Menschen setzt er mit einer Wortgewalt – wobei “Wortkunst” treffender wäre – um, dass man sich ab der ersten Seite in Doras Welt fallen lassen kann. Kapitel 2 und 3 kamen für mich völlig unerwartet und waren einfach umwerfend und augenöffnend, so dass ich Dora und auch Victor plötzlich in einem ganz anderen Licht gesehen habe. Eine wunderschöne Lektüre, die einem wieder zeigt, wie tragisch und dennoch wundervoll die Kunst sein kann.

Andreas Schäfer, “Letzter Akt”. € 25,50 / 224 Seiten. DuMont Buchverlag, Köln 2026

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