…wo Kultur noch für alle ist

Alles für die Schlagzeile ** Chicago – Volksoper Wien

Veröffentlicht 28. Okt., 2026

Zum Kulturmagazin

Manipulation, Medienrummel und all that jazz: An der Wiener Volksoper wird in dem Musical „Chicago“ um Aufmerksamkeit gebuhlt. Lotte de Beers Neuinszenierung macht dabei nicht nur verdammt viel Spaß, sondern hält dem Publikum gleichzeitig einen ziemlich unangenehmen Spiegel vor.

Ähnlich wie die Frauen im Cook County Jail habe ich etwas zu gestehen: Obwohl mir Songs wie „All That Jazz“ oder „Cell Block Tango“ natürlich bekannt waren (und ich Letzteren aus irgendeinem Grund sogar vollständig mitsprechen kann), hatte ich das Musical „Chicago“ zuvor weder auf der Bühne noch als Film gesehen. Keine Ahnung warum eigentlich, weil Textzeilen wie „He told me he was single…single my ass!“ seit Jahren mietfrei in meinem Kopf hausen. Naja. Spätestens nach meinem Besuch in der Wiener Volksoper wurde mir jedenfalls klar, dass ich einiges nachzuholen hatte und höre seitdem den Soundtrack in Dauerschleife. Eine neue Hyperfixation ist geboren.

Für alle, die mit dem Musical bisher ähnlich wenig Berührung hatten, wie ich vor ein paar Tagen noch: Wir befinden uns im Chicago der 1920er-Jahre. Die ehrgeizige Roxie Hart erschießt ihren Lover und landet im Gefängnis, wo bereits die Varieté-Künstlerin Velma Kelly wegen Mordes einsitzt. Beide wollen vor allem eines: berühmt werden. Dass sie dafür ausgerechnet ihre Verbrechen vermarkten müssen, ist in Chicago offenbar gang und gäbe. Mit dem gewieften Anwalt Billy Flynn, einer sensationsgeilen Presse und einer Reihe an Lügengeschichten lässt sich schnell eine catchy Schlagzeile kreieren. Die Frage „Schuldig oder unschuldig?“ wird zur absoluten Nebensache. Als unschuldig gelten in Chicago ohnehin diejenigen, die ihr erfundenes Verteidigungsg’schichtl am überzeugendsten verkaufen können.

Über Leichen ins Rampenlicht © Marco Sommer_Volksoper Wien
Über Leichen ins Rampenlicht © Marco Sommer_Volksoper Wien

Pop, Six, Squish…

Geschrieben wurde der Musicalklassiker von John Kander, Fred Ebb und Bob Fosse. Volksopern-Direktorin Lotte de Beer hat ihn nun in einer Neuinszenierung auf die Bühne gebracht. Gemeinsam mit Choreografin Arielle Smith und Bühnenbildner Christof Hetzer setzt sie dabei auf weniger Glitzer und Glamour, als man es sich vielleicht erwarten würde, und lädt stattdessen in ein ziemlich tristes Chicago ein.

Graue Wände, eine massive Treppe und ein Gefängnis, das eher wie eine trostlose Hinterkammer wirkt. Da das Stück gleichzeitig von seinen großen Shownummern lebt, entsteht aber ein spannender Kontrast zur düsteren Gefängnisrealität. Während die Lage und das Setting also ziemlich ernst sind, scheinen sich die Figuren in ihrer eigenen kleinen Showbiz-Bubble zu bewegen, in der das alles nur halb so schlimm ist. Mir persönlich hat das gut gefallen. Ich kann mir aber vorstellen, dass das Fehlen einer pompösen Aufmachung viele Besucher*innen enttäuschen könnte.

Weiters hat das Stück einen ziemlich eigenen Rhythmus, an den man sich erst einmal gewöhnen muss. Gerade zu Beginn geht es ziemlich hektisch zu: Drei Kinder betreten als Erzähler*innen die Bühne, begrüßen das Publikum und übernehmen die Moderation des Abends. Kaum hat man sich darauf eingestellt, erklingt auch schon „All That Jazz“, Roxie landet mit ihrem Liebhaber im Bett und kurz darauf ist der Hawara auch schon tot.

Das alles passiert in einem derartigen Tempo und ist stellenweise so klamaukig inszeniert, dass die eigentliche Brutalität der Geschichte fast ein bisschen untergeht. Was voraussichtlich auch so gewollt ist, mich am Anfang aber eher gestresst hat. Im Laufe des Abends funktioniert das Zusammenspiel aus Jazzhands und sozialkritischer Message aber immer besser.

Showtunes, Mord und Jazzhands © Marco Sommer_Volksoper Wien
Showtunes, Mord und Jazzhands © Marco Sommer_Volksoper Wien

…Uh Uh, Cicero, Lipschitz

Mit den drei jungen Ansager*innen wurde ich hingegen auch bis zum Schluss nicht ganz warm. Sie tauchen immer wieder auf, leiten die nächsten Szenen ein und sorgen durchaus für Schmunzler. Trotzdem bleibt für mich offen, was mir die Inszenierung mit dieser Besetzung eigentlich mitteilen wollte. Vielleicht soll gerade die Unschuld der Kinder, die durch eine Geschichte voller Mord, Manipulation und Medientrubel führen, die Absurdität des Ganzen noch stärker hervorheben. So ganz aufgegangen ist diese Idee für mich allerdings nicht.

Absolute Highlights sind hingegen wirklich ausnahmslos alle Musiknummern, die fabelhaft inszeniert und performt wurden. Nicht nur die bekannten Songs wie mein heißgeliebter „Cell Block Tango“ machten unglaublich viel Spaß, sondern auch die weniger vertrauten Titel haben es mir angetan. Und ja, „Mr. Cellophane“ kannte ich bisher hauptsächlich aus der Serie „Glee“, bin aber jetzt umso froher, in der Volksoper das Original kennengelernt zu haben.

Kleine Randnotiz: Alle werte Leser*innen, die genauso chronisch online sind, wie ich es bin, werden das Lied „We Both Reached For The Gun“ mit Sicherheit als Sound auf TikTok schon einige Male gehört haben. Vor allem den Part, an dem wiederholt „Oh yes, oh yes, we both reached for the gun, the gun, the gun, …” gesungen wird.

It’s Showbiz, baby

Besonders stark wird die Inszenierung zudem dort, wo sie zeigt, wie leicht sich vermeintliche Wahrheit verkaufen und verdrehen lässt. In einer Pressekonferenz wird Roxie buchstäblich als Marionette ihres Anwalts dargestellt. Auch der Gerichtssaal wird zur großen Show, bei der es weniger darum geht, was tatsächlich passiert ist, sondern wer die spannendste Geschichte erzählt.

Dass dieses System nicht nur fragwürdig, sondern auch ziemlich ungerecht ist, zeigt die Figur Hunyak. Im Original spricht sie Ungarisch, an der Volksoper versucht sie hingegen konsequent in einer Art Fantasiesprache zu erklären, dass sie „nicht schuldig“ sei. Weil sie aber niemand versteht, interessiert sich auch niemand dafür, ihre Geschichte so aufzubereiten, dass sie sich damit vor Gericht retten könnte. Während die tatsächlichen Mörderinnen davonkommen, wird ausgerechnet die einzige Unschuldige des gesamten Stücks gehängt.

Bei dieser Rolle war ich zunächst eher zwiegespalten. Gerade, weil ihre unverständlichen, gibberish-artigen Äußerungen anfangs für Lacher sorgen, wirken die Szenen stellenweise fast zu sehr ins Lächerliche gezogen. Wenig später werden ihre Verzweiflung und schließlich ihre Hinrichtung aber mit voller Ernsthaftigkeit dargestellt, sodass einem ein ziemlicher Kloß im Hals stecken bleibt. Mit ein paar Tagen Abstand finde ich diese Darstellung allerdings doch ziemlich genial. Denn letztlich zeigt sie, dass in dieser Welt nur diejenigen eine Chance haben, die in der Lage sind, eine gute Story zu liefern und Gerechtigkeit keinerlei Rolle spielt.

Sei immer gut zu Mama... © Marco Sommer_Volksoper Wien
Sei immer gut zu Mama… © Marco Sommer_Volksoper Wien

All That Talent

Diese vielen Kontraste, von denen Chicago lebt, führen dazu, dass man einen spannenden Theaterabend hat, an dem man durch alle möglichen Emotionen geht. Nicht zuletzt, weil die Besetzung das Publikum total abholt. Bettina Mönch verkörpert die Roxie Hart so, dass man ihren Wunsch nach Aufmerksamkeit irgendwie nachvollziehen kann, aber gleichzeitig ihre Methoden für absolut fragwürdig empfindet. Myrthes Monteiro überzeugt als Velma Kelly vor allem mit ihrer Bühnenpräsenz, ihrer starken Stimme und crazy Tanzeinlagen.

Wie bei so ziemlich allem, in dem sie auf der Bühne steht, sorgt Opernsängerin Katia Ledoux auch hier für einen der umjubeltsten Momente des Abends. Ihr Musicaldebüt als Mama Morton macht so viel Spaß, dass man nur hoffen kann, sie künftig noch öfter in Musicalrollen zu sehen. In diesem ganzen Zirkus ist Jakob Semotan als Roxies Ehemann Amos wohl der anständigste – zugegeben, ein bisschen unbeholfene – Charakter, den man aber am liebsten kurz in den Arm nehmen möchte. Lionel von Lawrence wirkt als Staranwalt Billy Flynn so wie ein flirty Augenzwinkern auf zwei Beinen. Bei der Premiere schlichen sich zwar ein paar kleine Versprecher bei ihm ein, aber bei so viel Charme sieht man darüber gern hinweg.

Reality-Check

Auf dem Heimweg hörte ich nicht nur erstmals in den gesamten Filmsoundtrack hinein, sondern lauschte, wie zwei alteingesessene Volksopern-Besucherinnen über das Stück diskutierten. Eine war offenbar nicht restlos überzeugt, worauf die andere trocken entgegnete: „Na, spritzig woa des, es woa in keiner Minut‘n fad.“ Und damit hat sie meinen Job eigentlich schon übernommen und diesen Abend gut zusammengefasst.

Nicht jede Regie-Entscheidung hat mich sofort abgeholt. Aber musikalisch, tänzerisch und schauspielerisch ist diese Neuinszenierung von „Chicago“ ein spannendes Stück, das nebenbei auch noch einiges zu sagen hat und zum Nachdenken anregt. Schließlich führt einem die Inszenierung vor allem vor Augen, wie schnell aus dem Leid anderer Unterhaltung wird. Und während man sich über die Sensationsgier der Gesellschaft auf der Bühne aufregt, ertappt man sich selbst dabei, wie man sich an genau diesem Spektakel ergötzt. So fern unserer eigenen Realität ist dieses Chicago wahrscheinlich gar nicht.

Zum Kulturmagazin