Revolutionen beginnen oft mit guten Absichten. Wie schnell daraus Unterdrückung werden kann, zeigt „Animal Farm“ in der Wiener Staatsoper auf ebenso eindrucksvolle wie beklemmende Weise.
Der Roman „Animal Farm“ von George Orwell wird vielen Menschen ein Begriff sein. Vielleicht hat man ihn in der Schule gelesen oder einem wurde das Buch als Teenie von seinen Eltern unter dem Motto „Das ist ein waschechter Klassiker, den musst du kennen!“ ins unaufgeräumte Zimmer gelegt wie mir. In der Staatsoper wird die Geschichte nun in Form einer Oper auf die Bühne gebracht.
Als ich Leuten davon erzählt habe, dass ich mir das Stück als Oper anschaue, war ausnahmslos jede*r unsicher, wie genau das aussehen kann. Und es stimmt schon, dass es sich bei Animal Farm um keine klassische Oper handelt, wie man es sich vorstellt. Genau das macht sie aber so eindrucksvoll. Das Stück ist schwer, düster und stellenweise richtig erdrückend. Fast 80 Jahre nach seiner Veröffentlichung hat Orwells Geschichte keinerlei Relevanz verloren.
Im Gegenteil: Die moderne Inszenierung und vergleichsweise junge Opernfassung lassen die Botschaft bedrückend aktuell erscheinen.
Wenn Masken fallen
Eine Abweichung von der Vorlage, die gleich zu Beginn auffällt, ist, dass sich die Handlung auf einem Schlachthof abspielt. Also nicht auf einem Bauernhof wie im Original. Die Tiere brechen wortwörtlich aus vergitterten Metallkäfigen aus – in denen sie zuvor eingepfercht saßen – und starten eine Revolution gegen ihre Besitzer*innen. Sie wollen sich eine gerechtere Welt aufbauen, in der alle Tiere gleich sind. Doch nach und nach übernehmen die Schweine die Macht.
Aus Befreiung wird Unterdrückung, aus Hoffnung wird Angst und aus einer Revolution entsteht wieder genau jene Tyrannei, die man ursprünglich bekämpfen wollte.
Anfangs tragen alle Tiere futuristische Masken in Grau- und Metalltönen. Im Laufe des Abends nehmen diese aber immer mehr Darsteller*innen ab und zeigen ihr menschliches Gesicht, bis zum Schluss keine einzige Maske mehr zu sehen ist. Die Moral der Geschichte, dass die Tiere am Ende nicht besser als die Menschen geworden sind, die sie einst von der Farm vertrieben haben, wird dadurch richtig schön visualisiert. Das ist meiner Meinung nach auch ein Highlight dieser Bühnenfassung.

Muh, oink und mäh
Die Musik von Alexander Raskatov ist im besten Sinne unbequem und baut über den Abend hinweg eine Spannung auf. Sie erzählt im Prinzip dieselbe Geschichte wie die Handlung, indem sie zeigt, wie aus einer hoffnungsvollen Idee Schritt für Schritt ein Albtraum wird.
Gesanglich überzeugt das Ensemble auf ganzer Linie. Wolfgang Bankl verleiht dem machthungrigen Napoleon mit seiner tiefen Bassstimme eine richtige Bedrohlichkeit. Countertenor Karl Laquit und Sopranistin Holly Flack erreichen Tonhöhen, die mich beeindrucken. Fast schon witzig sind die Momente, in denen die Sängerinnen und Sänger ihre tierischen Rollen nicht nur spielen, sondern auch stimmlich andeuten. So krächzt Elena Vassileva beispielsweise als Krähe durch einzelne Passagen.
Selten war ich so dankbar für die kleinen Bildschirme an den Sitzen der Staatsoper, um keine wichtigen Details zu verpassen. Da das Stück auf Englisch aufgeführt wird und die Musik oft überraschende Richtungen einschlägt, habe ich mich nicht nur einmal dabei erwischt, wie ich auf die Untertitel geschielt habe.
Die Farm schreibt um
Nachdem sich die Tiere erfolgreich gegen ihre Peiniger durchgesetzt haben, werden sieben Regeln mit Spraydosen auf die Bühnenwände geschrieben. Im Laufe des Abends verändern sich diese jedoch immer wieder. So wird beispielsweise die Regel „Kill no animal“, durch den Zusatz „…without a cause“ (also „ohne Grund“) ergänzt. Bedeutungen werden so weit verschoben, bis von den ursprünglichen Wertvorstellungen kaum noch etwas übrig bleibt.
Über der Bühne leuchtet fast das ganze Stück der Schriftzug „All animals are equal“ in Neonbuchstaben auf. Als am Ende schließlich ein weiteres pinkes Schild mit den Worten „…but some animals are more equal than others“ einfliegt, ist mir schon kurz ein kalter Schauer über den Rücken gelaufen.
„Animal Farm“ in der Staatsoper ist ein forderndes Stück, für das man die Kapazitäten haben muss. Es ist eine unangenehme Geschichte, da sie um einiges näher an der Realität dran ist, als man anfangs vielleicht vermuten würde. Die Opernversion regt allemal zum Nachdenken an und erreicht somit genau das, was sie soll.
