…wo Kultur noch für alle ist

The End of the World – kein Hirngespinst ** Wiener Festwochen

Veröffentlicht 19. Juni, 2026

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Das diesjährige Programm der Wiener Festwochen umfasst insgesamt 35 internationale Produktionen und rund 170 Vorstellungen. Darunter finden sich aber gerade mal sechs Veranstaltungen – zwei Theaterstücke, drei Debatten und eine Filmvorführung – die sich schwerpunktmäßig mit der globalen Erwärmung und ihren Folgen für die Menschheit beschäftigen. Marie hat sich das genauer angeschaut.

Mitte Juni hatte es auf dem Badeschiff gegen 20:00 Uhr exakt 29°C. Die lauten Ventilatoren kühlen nicht mehr, sie wurden vor der Debatte „The End of the World” mit dem Aktivisten Tadzio Müller, Politikwissenschaftler Fabian Scheidler und der Psychologin Veronika Zak ausgeschaltet. Auf den Stirnen der Diskutierenden stehen die Schweißperlen, das Denken fällt schwerer. Wassergläser werden pausenlos ausgetrunken und wieder gefüllt. Es gibt wohl keine passendere Kulisse, um über das Ende der Menschheit zu reden.

Man müsse sich mal vor Augen halten, dass unsere – keine vergangene – Zivilisation gleich mehrere reale Möglichkeiten gefunden hat, sich selbst auszulöschen. Wie etwa durch einen Atomkrieg oder die Klimakrise, stellt Scheidler gleich zu Beginn fest.

Wir, die Privilegierten, profitieren.

Das sei nicht nur besorgniserregend, weil sich das geopolitische System ändert und damit eine gefährliche Instabilität einhergeht, da die einflussreichsten Machthaber dieser Welt mit allen Mitteln versuchen werden, ihre Macht zu behalten. Sondern, wie Müller ausführt, vor allem, weil wir alle, die Super-Privilegierten Top 10 Prozent der Weltbevölkerung, kein Interesse daran hätten, das System zu ändern. Weil wir davon profitieren. 

Beispielsweise wüssten wir seit 50 Jahren von den dramatischen ökologischen Folgen unseres kapitalistischen-neoliberalen Systems, seitdem sind jedoch die Emissionen weiter gestiegen und nicht gesunken. Scheidler widerspricht, Veränderung sei noch möglich. Die Arbeiterbewegung in den 1830er und 1840er Jahren sei sich über das System bewusst geworden. Von ihren Errungenschaften profitieren wir noch heute, wie etwa vom heutigen Standard des 8-Stunden-Tages, von Sozialversicherungen oder dem Verbot von Kinderarbeit.

In diesem Gespräch, so ist schnell klar, wird kein Blatt vor den Mund genommen. Es ist inhaltlich verdammt ehrlich und anregend, von der Stimmung her todernst und gleichzeitig aus der Not heraus komisch-unterhaltsam. Neben geschichtlichen Referenzen, wird zum Beispiel auch von Kuchen-liebenden marxistischen Genossen erzählt. 

Die durchlässige Verdrängungsmaschinerie

Die große Stärke der Debatte ist, dass Religion und Realität, Apokalypse und Kollaps im Gegensatz zu „The Last Insurrection” glasklar voneinander unterschieden werden. Während manche Christen glauben, dass Christus die Gläubigen vor dem Weltuntergang lebend in den Himmel holt, haben es Nicht-Gläubige schwerer. Sie müssen andere Wege finden, um mit der Vorstellung drohender Katastrophen psychisch umzugehen.

Für gläubige Menschen kann der Glaube eine Form der Bewältigung sein. In der Vorstellung der „Entrückung“ wird der Weltuntergang mit Erlösung und der Befreiung von weltlichem Leid verbunden. Einige religiöse Gruppen erwarten oder wünschen dieses Ereignis sogar. Nicht-Gläubige verfügen dagegen nicht über eine vergleichbare religiöse Deutung und erleben sich daher oft als weniger handlungsfähig.

In Zeiten der Krise dominieren Gefühle der Ohnmacht und Angst. Die Anziehungskraft von beispielsweise christlichen und evangelischen Freikirchen oder das Erstarken des Populismus, die Ängste instrumentalisieren und einfache Antworten auf Probleme haben, seien Symptome einer aus dem Gleichgewicht geratenen Welt.

Das Licht am Tunnel kann nur der Mensch sein

Dabei geht das Gespräch weit über die oberflächliche Analyse hinaus. Die Verdrängung und Realitätsverweigerung zeigt sich nach Müller beispielsweise darin, dass oft darüber gesprochen werde, wie wir über den Kollaps reden, anstatt tatsächlich über den Kollaps zu reden. 

Genau beobachtet wird dabei, dass das, was verdrängt wird, an anderer Stelle wieder ausbricht. Nämlich in der Kultur. Sichtbar wird das laut Müller in vielen Filmen, wie „Der Astronaut – Project Hail Mary”,  oder „The End” und Serien auf Netflix wie „Paradise”, „Snowpiercer”, „Fallout” oder „The Handmaid´s Tale”, die Untergangsszenarien verarbeiten. Dass diese Verarbeitung in der Kultur passiert, sei schlüssig: Die Fiktion erlaubt eine gewisse Distanz zur Wirklichkeit, in welcher der Untergang handhabbarer wird. 

Trotz des unheilvollen Themas, war die Debatte konstruktiv. Sie hat sich nicht in der Dunkelheit verrannt, sondern auch nach Ansätzen des Umgangs mit einem eventuellen drohenden Kollaps gerungen. Laut Scheidler sei die Liste an Gruppierungen, die sich für eine umweltschonende, solidarische Lebensweise einsetzen und nur auf neue Mitglieder warten, sehr lang. Zuversichtlich könne es uns auch stimmen, dass kein politisches und wirtschaftliches System wie etwa eine Diktatur oder der Neoliberalismus ewig währe, Geschichte passiere in Wellen- und Pendelbewegungen. 

Die verkannte Kultur

Er rät, die Spielräume im System zu nutzen, während Müller vorschlägt, die Katastrophe als strategischen Raum zu begreifen. Darin könne man sich auf „das realistischste Szenario, den Kollaps” vorbereiten, zum Beispiel durch den Besuch eines Trainingslagers, in dem der Kollaps durchgespielt wird. Zak empfiehlt, über persönliche Ängste und die wirklichen Bedürfnisse hinsichtlich der Zukunft mit anderen Menschen zu sprechen, um handlungsfähig zu werden.

Die Debatte führt auch vor Augen, dass die Bedeutung von Kultur auch in Krisenzeiten nicht zu unterschätzen ist. Das zeigt sich nach Scheidler beispielsweise darin, dass die Arbeiter*innengruppen, welche nicht nur gemeinsam aßen und musizierten, sondern sich einander auch kulturell begegneten, länger bestanden und am erfolgreichsten waren. 

Kultur als Leim, um dem Schlimmsten entgegenzutreten: Das macht doch Hoffnung.

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