Für alle, die glauben, Chorgesang ist langweilig: Das Singalong zum 80. Geburtstag der Bregenzer Festspiele beweist das Gegenteil. Denn plötzlich habe ich richtig Bock, mich bei einem Chor anzumelden. Eventuell unter der Voraussetzung, Steven Moore als Dirigenten zu haben.
„Wir machen das noch einmal – MIT TEMPO!“ – Steven Moore, Dirigent
Es ist Samstagnachmittag und die Sonne knallt runter auf die Tribüne der Bregenzer Festspiele. Am Weg noch eine gratis Wasserflasche mitnehmen, noch schnell die Noten runterladen, wenn man sie nicht schon vorab ausgedruckt hat. Als Journalistin inmitten von Chören und gesangsbegeisterten Menschen bin ich plötzlich froh über die paar Gesangsstunden, die ich in meiner Studienzeit nahm.
Denn zum 80. Geburtstag der Bregenzer Festspiele hat sich Intendantin Lilli Paasikivi mit ihrem Team etwas ganz Besonderes überlegt: Die 6.800 Plätze der Seebühne wurden mit Personen gefüllt, die entweder professionell oder als Hobby leidenschaftlich gerne Chorstellen in Opern singen. Am Programm: Die größten und beliebtesten Hits der Operngeschichte – und eine großartige Opern-Version von „Happy Birthday“. Obviously.

Das Motto des Tages: HAU REIN!
Es waren nicht nur 75 Minuten voller Chorgesang. Nein, es waren 75 Minuten voller lustiger Momente, geschichtlicher Fakten und vielen Hintergrundinformationen zu den einzelnen Liedern. Dirigent Steven Moore gab alles, um die 6.800 Gesangsbegeisterten zu motivieren, vom Twerken bis hin zu ganzen Choreografien. Fun Facts wie „Das ist eine Pub-Nummer, stellt euch vor, wir singen das in einer Bar mit einem Drink in der Hand!“ oder „Als Verdi gestorben ist, haben die Menschen in den Straßen geweint!“ haben das Programm definitiv aufgelockert (obwohl es ohnehin alles andere als steif war). Bei „Va, pensiero“ (aus der Oper „Nabucco“) kam dann noch eine spontane Choreografie für alle dazu:
„Da gibt es einen großen Akkord. Da stehen wir alle plötzlich auf – aber nicht mit viel Mühe, als wären wir alt und müde. Nein – plötzlich! Auf den nächsten Takt schauen wir nach links, dann nach rechts, dann sind wir fertig und singen. Und wir machen das mit VIEL Energie! So ‘BAM, wer war da???’ Und dann ‘BAM wer war da?’ Und dann singen wir! Okay? Let’s go!“

Fan-Momente und ganz viel Spaß.
Das Singalong wurde vom Symphonieorchester Vorarlberg begleitet, die jeden Neuanfang des einen oder anderen Stückes mit viel Elan gespielt haben – trotz der wahrscheinlich sehr heißen Location des Zeltes in der prallen Sonne. Und weil ein Chor nicht alleine singen kann, gab es tatkräftige Unterstützung der Solist*innen:
Julia Muzychenko und Jose Simerilla Romero überzeugen als Violetta und Alfredo in den Hauptrollen der diesjährigen Produktion von „La Traviata“ auf der Seebühne und haben unter anderem bei „Brindisi“ gezeigt, was sie können (dieses Lied kennt ihr fix, trust me!). Károly Szemerédy kann währenddessen in der Produktion „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ bewundert werden und kam als Stierkämpfer zum Singalong während „Toréador“.
Und egal was man denkt, über Klassik-Fans zu wissen: Fangirling können sie. Denn bei jedem Abgang dieser Top-Besetzung gab es viel Winken, Jubel, Luft-Küsse und große, glänzende Augen.

International & durchmischte Chöre – auch im Altersschnitt.
Dieser Programmpunkt hat wohl alle Annahmen über die Klassik gesprengt. Denn natürlich war der Großteil der Anwesenden wohl über 60. ABER: Der Altersschnitt war dann doch um einiges niedriger. Denn es waren Chöre und Gesangsbegeisterte aus ganz Österreich, Deutschland und der Schweiz angereist, um gemeinsam bei dieser einmaligen Veranstaltung zu singen.
Absolutes Highlight meinerseits war aber tatsächlich die Zugabe: Eine Orchesterversion von „Happy Birthday“. Das klang wie direkt aus einer Oper entnommen, mit tollem Intro – und ich will nie wieder etwas anderes zu meinem eigenen Geburtstag gesungen bekommen (the pressure is on).
Liebe Bregenzer Festspiele, alles Beste zum 80er. Auf noch weitere, mindestens 8 Jahrzehnte ganz nach dem Motto „HAU REIN“!