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Leben und Leiden ** Passion of the Common Man – Bregenzer Festspiele

Veröffentlicht 02. Aug., 2026

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Hitzewelle, tech Bros, die massenhaft Bücher zerstören, Datenzentren in Österreich: „Passion of the Common Man“ ist das wohl passendste und irgendwie auch deprimierendste Stück, das man sich aktuell anschauen könnte. Well done, Bregenzer Festspiele! 

Das Wichtigste zuerst: IST DER SALAT ECHT?? (Ja!) Ok. Und jetzt zur tatsächlichen Review.

„Let me tell you about the weeping world.“ – Master of Ceremonies

75 Minuten voller intensiver Musik und ganz viel Drama.

Schon beim Betreten der Werkstattbühne fühlt man sich, als wäre man irgendwo zwischen „Dune“ und „Matrix“ gelandet. Weiße Würfel mit LED-Beleuchtung, viele Salatköpfe als Wände, Schläuche zur künstlichen Ernährung von Chor und Solisten, mittendrin das Orchester. Vier Bildschirme zeigen zuerst einen Countdown zum Stückbeginn, in den nächsten 75 Minuten dann Bilder von Zerstörung, Krieg, Feuer und KI-generierten Menschen. 

„Lasst uns des Anfangs gedenken. Die Kriege. Bürgerkriege. (…) Dann der Größte Krieg. Entwicklungsländer tun sich zusammen, vereinigen ihre Truppen, attackieren Supermächte mit Schneid. Fordern Gleichberechtigung. 
Niemand sollte leiden müssen. Leiden war unnötig. Ein Menschenrecht, nicht zu leiden. Ein globaler Waffenstillstand. Arm oder reich, kein einziger Mensch zurückgelassen. (…) Warum leiden, wenn wir in Freude leben können?“ – Master of Ceremonies

In „Passion of the Common Man“ befinden wir uns in einer Zeit nach den größten Bürgerkriegen und Krisen der Welt. Es wurde eine kollektive Lösung gegen das Leid gefunden: Statt die Ursache zu verbessern, verändern wir unsere Sicht auf die Dinge. Wir spüren einfach keinen Schmerz, keine Trauer, keinen Hunger mehr. 

Die Bühne_Passion of the Common Man (c) Anja Köhler
Die Bühne bei „Passion of the Common Man“: künstlich angebauter Salat, Feeding-Tubes und Neonröhren. (c) Anja Köhler

Wie weit würdest du gehen?

Jährlich wird eine Person ausgewählt, die alle daran erinnern soll, was es bedeutet, Mensch zu sein. „Der Stellvertreter“ (aka „The Surrogate“) bekommt für 40 Tage und 40 Nächte keine Medizin oder synthetische Nahrung mehr. Er wird wieder alles fühlen, was sonst unterdrückt bleibt – während der Rest der Menschen zusieht.

„Mögen wir alle in ihm etwas gemeinsame Menschlichkeit finden! Lasst uns unsere Werte, unsere Träume, unsere Erfahrungen, auf ihn zeichnen wie ein Tattoo.“ – Master of Ceremonies

Die Gesellschaft wählt zwei zusätzliche Personen: Einen „Companion“, der den Surrogate bei dieser Aufgabe begleitet, und einen „Alternate“, der die Aufgaben des Surrogate übernimmt, sollte er scheitern. Der Surrogate erleidet drei Stufen an Schmerz – bis zum Tod. 

„Mir wurde Schmerz versprochen. Beträchtlicher Schmerz. Hunger, Krankheit. Ein gebrochenes Herz. Unendliche Einsamkeit. Und ich werde zurückkehren, ein Mensch geworden.“ – The Surrogate

Ein „Master of Ceremonies“ führt durch die Handlung und gibt uns Kontext. Doch die Frage, die mich das ganze Stück lang begleitet, ist: Warum ist das alles viel zu realistisch? Gerade in der aktuellen Hitzewelle und Debatten rund um Klimawandel, Künstliche Intelligenz und Gleichberechtigung ist dieses Stück ein bisschen too close to home.

Zu leiden bedeutet, Mensch zu sein.

„Passion of the Common Man“ beschäftigt sich in meinen Augen vor allem mit dem Sinn des Lebens. Eine Gesellschaft, die augenscheinlich alles hat und kein Leid verspürt, hat den Wunsch, jemandem beim Leiden zuzuschauen. Auch die Arten von Schmerz, die im Stück besprochen werden, zeigen die Menschlichkeit von unerwarteter Seite. Nicht Krieg oder Zerstörung, sondern die unerwiderte Liebe, den Verlust von Familie oder einen Sinn in seiner Arbeit zu sehen. 

„Once upon a time I knew what it was like to love another.“ / „Es war einmal, vor langer Zeit, da wusste ich, was es bedeutet, jemanden zu lieben.“ – The Alternate

The Alternate erzählt, wie ihr Geliebter sich von ihr trennt und der KI seine Liebe schenkt. Ihre Konsequenz? Eine verbesserte Version des Ex-Partners mittels KI herzustellen. Prompting ersetzt die unerwiderte Liebe, Lust und körperliche Nähe sind keine Option mehr. 

„I accept the imitation as good enough. Good enough should be the motto for humanity on this side of the precipice.“ / „Ich akzeptiere die Imitation als gut genug. Gut genug sollte das Motto der Menschheit diesseits der Klippe sein.“ – The Alternate

The Companion erzählt von der verlorenen Arbeit, bevor die Pflanzen nur mehr künstlich gezüchtet wurden. Er kommt aus einer Familie von Bauern und erinnert sich an die Feldarbeit zurück. Und daran, wie ihm seine Frau und Kinder über Nacht von Regierungsprogrammen weggenommen wurden. Der Verlust stürzte ihn in die Sucht – jedenfalls bis den Menschen ihr Schmerz genommen wurde. 

„I’ve never been a man who cries. But there were moments I had to.“ / „Ich war nie ein Mann, der weinte. Aber es gab Momente, da konnte ich nicht anders.“ – The Companion

The Master of Ceremonies_Passion of the Common Man (c) Anja Köhler
The Master of Ceremonies führt durch das Stück und erinnert an die Vergangenheit in „Passion of the Common Man“ (c) Anja Köhler

Freude bedeutet nicht mehr das, was ihr denkt.

Das Stück „Passion of the Common Man“ nimmt die Christus-Erzählung und die Passionen von Johann Sebastian Bach als Basis. Es ist eine etwas andere Art, die Opfer-Geschichte des Christentums zu interpretieren. Hier werden aktuelle Debatten – von Klima, Künstlicher Intelligenz bis zu Menschenrechten – klar in den Mittelpunkt gerückt und die ursprüngliche Geschichte weit abseits der Bibel besprochen.

„In the end we must decide if humanity is worth preservation.“ / „Schlussendlich müssen wir entscheiden, ob die Menschheit ihren Erhalt wert ist.“ – Master of Ceremonies

Wir Zuschauer*innen werden mehrmals erinnert: Freude bedeutet nicht das, was wir denken. Das Wort „JOY“ (= “Freude”) wird sehr oft gesungen, speziell wenn es um den Schmerz des Surrogate geht. Was „Joy“ aber tatsächlich bedeutet, wird nicht aufgeklärt. Für mich gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder bedeutet Freude das Fehlen von Schmerz, oder aber der Moment, in dem sie Schmerz an jemand anderem (also dem Surrogate) erleben. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem.

„A global broadcast. Let us flounder in joy and watch you die.“ / „Eine weltweite Übertragung. Lass uns vor Freude taumeln und dich sterben sehen!“ – Chor

Nur der Surrogate muss durch den Schmerz. Er opfert sich für die Gesellschaft, damit sie sich wieder menschlich fühlen können. Er ist der Einzige, der erkennt, was die Menschheit mit der Welt gemacht hat.

„A final reminder that to suffer is to live. To suffer is to be human.“ / „Eine letzte Erinnerung daran, dass zu leiden bedeutet zu leben. Zu leiden bedeutet, Mensch zu sein.“ – The Surrogate

Passion of the Common Man (c) Anja Köhler
Wie viel Leid würden wir für das Wohl der Menschheit in Kauf nehmen? (c) Anja Köhler

Monoton, überwältigend und großartig.

Dass das Stück auf biblischen Geschichten basiert, merkt man recht schnell auch ohne Werkeinführung oder Programmheft. Denn so beeindruckend die Musik, das Sounddesign, die Bühne und die Sänger*innen auch sind: Es ist (wahrscheinlich auch bewusst) sehr monoton. Die 75 Minuten vergehen einerseits schnell, andererseits fühlt man sich in einem ewigen Loop von sich wiederholenden Sätzen und Melodien gefangen.

Das Sounddesign mischt moderne Klänge, Rauschen und Effekte live mit Orchestermusik und schafft ein Gefühl, als würde man in einem weichen Sessel aus Klang sitzen. Es gab nur vereinzelte Momente der Stille, die bewusst genutzt wurden. Ansonsten war die Musik gefühlt durchgehend da.

Auch Bühnenbild und Kostüm waren wie aus einem Science-Fiction-Film: Alle sitzen in ihrem Bunker mit künstlich gepflanzten Salatköpfen in den Regalen und sind an Kabel angehängt, über die sie synthetisches Essen und Medizin bekommen. Creepy, dystopisch und wahnsinnig interessant umgesetzt.

Wir wollen nichts ändern, aber wir wollen  Veränderung.

Wir machen absichtlich alles kaputt. Dann reparieren wir einfach unsere Wahrnehmung, verschieben den Fokus. Wozu sollen wir uns mit Weltschmerz, Sorgen um Hunger und Zukunft auseinandersetzen? Schalten wir sie doch einfach ab. Klingt wie ein Science Fiction-Film, passiert aber heute schon. Ozempic erspart uns Sport und gesunde Ernährung. KI ersetzt unsere Bildung, Freund*innen und Dating-Erfahrungen. Wozu selbst etwas tun, wenn ich es doch auslagern kann, um mehr Zeit zum Doom-Scrolling auf TikTok zu haben?

75 Minuten lang passiert in „Passion of the Common Man“ eigentlich nichts außer Leid. Das Ziel ist der Tod, angelehnt an den Leidensweg von Jesus. Man hätte es natürlich auch in zehn Sätzen erzählen können. Aber das ständige Wiederholen einzelner Sätze und Worte, die Musik, das Bühnenbild, die Leistung von Solist*innen, Chor und Orchester bleiben hängen. Es ist ein anstrengendes Stück und gleichzeitig eines der großartigsten neuen Werke, die ich bis jetzt sehen durfte. Denn bis zum Ende hatte ich Hoffnung – für die Menschen genauso wie für unsere Menschlichkeit.

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