Ich kann immer noch nicht ganz glauben, dass ich hier war. Mein erstes Mal Bregenzer Festspiele: Ein riesiges Bühnenbild mitten im See, ein wunderschöner Sonnenuntergang und eine top Performance – das war “La Traviata” in Bregenz!
Die große Seebühne in Bregenz kennen die meisten nur aus den Nachrichten oder von Instagram. Die wohl bekanntesten Bühnenbilder sind die riesigen Spielkarten (“Carmen”, 2017/18) oder der überdimensionierte Clownkopf (“Rigoletto”, 2019/21). Dieses Jahr zeigt die Bühne eine verhältnismäßig moderne Inszenierung mit viel und gleichzeitig wenig Meta-Ebenen: Ein 28 Meter hoher zerbrochener Spiegel, auf dem die diesjährige “La Traviata” stattfindet und Violetta Valéry ihren Tod erwartet.
Worum geht’s? Hier geht’s zum Quickie der Oper “La Traviata” von Giuseppe Verdi!
Wir waren in der Vorstellung am 02. August 2026 – good to know, denn viele Figuren sind dreifach besetzt.

Wenn eine Bühne die Zeit anhält.
Schon beim Betreten der Tribüne fällt den meisten Besucher*innen die Kinnlade runter. Denn die Bregenzer Festspiele überbieten sich jedes Jahr auf’s Neue, wenn es um das Bühnenbild geht. Diesmal schauen wir auf einen 28 Meter hohen, glänzenden Spiegel, der aussieht, als hätte man mit einem Ball dagegen geschossen.
“In meiner Vorstellung fällt der Spiegel von oben herab. Das Bühnenbild entsteht in dem Moment, in dem er den Boden berührt, zerbricht und Risse bekommt – aber noch nicht vollständig zerstört ist. (…) Die Idee, die Zeit zu verlangsamen, fasziniert mich.” – Paolo Fantin über das Bühnenbild aus dem Programmheft der Bregenzer Festspiele
Außerdem steht die Bühne von Paolo Fantin nicht direkt im See: 2024/25 wurde für die Inszenierung von “Freischütz” ein Becken zwischen Tribüne und Bühnenraum gebaut, das dieses Jahr übernommen wurde. Eine gute Entscheidung, wenn man bedenkt, dass dem Bodensee gerade ein ganzer Meter Wasserspiegel fehlt. Aber das Becken war nicht das einzige, das von der letzten Inszenierung wiederverwertet wurde: Auch den Mond der letzten Jahre finden wir in “La Traviata” wieder.
Was die Bühne noch besonders macht, ist ihre Flexibilität. Mal sind wir im Inneren einer Villa mit geschwungenen Samtstühlen, goldenen Lampen und prachtvollen Dekorationen. An anderer Stelle wird es minimalistisch, wenn der Spiegel zu Alfredos Landhaus oder der Arztpraxis von Dottore Grenvil, während er einen Lungen-Scan betrachtet, wird. Und immer wieder wird dieser riesige zerbrochene Spiegel zu einer Leinwand, auf der vorab aufgezeichnete Filme passend zur Handlung abgespielt werden. Das alles funktioniert, indem die einzelnen Splitter des Spiegels auf- und zugeklappt werden, oder am Ende sogar nach innen fallen. Denn je näher wir Violettas Tod kommen, desto mehr zerfällt der Spiegel und ein großer, schwarzer Ball erscheint daraus.

Glitzer, Glam und die Geheimnisse einer Gesellschaft.
Passend zum Partygirl Violetta hat Regisseur Damiano Michieletto die Handlung in die 1920er Jahre gesetzt. Die Kostüme (Carla Teti) haben das Bild noch verstärkt: Federboas, Glitzerkleider… Und trotz aller Farben schreit alles nur “Eleganz”.
Die Handlung der Traviata lässt wenig Spielraum für Interpretation. Sie ist direkt und zeigt “in your face”, was Sache ist: Wir alle verstecken unsere Krankheiten, unsere schlechten Momente, unsere Schwächen. Wir zeigen uns selten von unserer wahren Seite, egal wie viele Risse der Spiegel schon hat. Und das, was wir uns im Alltag vorsagen, wird immer wichtiger: Wir müssen das Leben genießen und im Moment leben.
“Violetta entscheidet selbst über ihr Leben. Niemand zwingt sie dazu. Es gibt keinen Mann, der sie kontrolliert oder ausbeutet.” – Damiano Michieletto über die Figur der Violetta, aus dem Programmheft der Bregenzer Festspiele
Michieletto hat genau diese Message noch mehr in den Mittelpunkt gerückt. Violetta ist sich ihrer Krankheit bewusst. Sie sieht in ihrem (kleinen) Spiegel, wie sich ihr Äußeres immer mehr verändert und schmeißt ihn von sich. Am Ende hält sie den von ihr zerbrochenen Spiegel in der Hand – während im Hintergrund der 28 Meter hohe Spiegel schon längst zerbrochen ist und die schwarze Kugel (= Symbol für ihre Krankheit) über ihr schwebt.
Jede ihrer Entscheidungen wird nicht nur von der Musik der Wiener Symphoniker, des Bregenzer Festspielchors sowie des Prager Philharmonischen Chors, wunderschön dirigiert von Kirill Karabits, getragen. Sie bekommen auch innerhalb der Inszenierung einen eigenen Platz, damit auch ja jede*r im Publikum es mitbekommt.
Absolut surreal – manchmal aber auch ablenkend.
Spätestens beim blutroten Sonnenuntergang über dem Bodensee hat sich das Bild dieser Bühne für immer in mein Hirn eingebrannt. Das war immerhin eine der beeindruckendsten Locations, die ich bisher besuchen durfte. Ein bisschen was zum Jammern auf hohem Niveau habe ich dann doch noch gefunden.
Die wohl letzte Party, die Violetta vor ihrem Tod erlebt, ist eigentlich ein Karneval vom Feinsten. Tänzer*innen, Wahrsager*innen und Stierkämpfer… oh wait. Die Stierkämpfer, die im Text so schön besungen werden und ihre Geschichten von Erfolg erzählen, wurden ersetzt. Von einem einzelnen Magier mit einer “Ich lasse eine Frau in der Kiste verschwinden”-Show. Nett, aber irgendwie underwhelming bei der großen Show.

Dann war da noch die Videoprojektion am Ende, als Violetta gerade kurz vor ihrem Tod steht. Denn da wurde groß gezeigt, wie sie und Alfredo ein Zimmer ausmalen – während der emotionalsten und stärksten Szene der ganzen Oper. Hätte es, meiner Meinung nach, nicht gebraucht und lenkt auch davon ab, dass plötzlich Blumen aus dem Boden und dem Wasser wachsen.
Die Untertitel – ja, man kann die ganze Zeit mitlesen! – sind auch etwas tricky, weil sie sich auf den äußersten Seiten der Bühne befinden. Man muss, im Gegensatz zu kleineren Locations, durchgehend von der Bühne wegschauen, um mitzulesen. Aber hierfür gibt es einfach keine bessere Lösung, beziehungsweise wäre mir auch keine eingefallen. Man gewöhnt sich auf jeden Fall recht schnell daran, hin und her zu switchen.

Zwischen Party, Liebe, Leichtigkeit und Tod.
Ich habe “La Traviata” in meinen 30 Lebensjahren schon einige Male gesehen, weil sie einfach die perfekte, dramatische Romanze mit wunderschöner Musik ist. Es ist by the way auch die perfekte Einsteiger-Oper und ich weine jedes Mal am Ende. Meine emotionsgeladenen Tränen beim Schlussapplaus sind daher kein objektives Qualitätskriterium. Trotzdem muss ich sagen:
Julia Muzynchenko ist, glaube ich, meine neue Lieblings-Violetta (von allen, die ich live erleben durfte). Ihre Stimme trägt so viel Emotion und Kraft, und die hohen Stellen klingen bei ihr einfach nur traumhaft. Rinat Shaham (Violettas Freundin Flora) und Claire Barnett-Jones (Violettas Dienerin Annina) haben mit viel Charme und Leichtigkeit ihre Fürsorge für Violetta besungen. Jose Simerilla Romero spielte den perfekten eifersüchtigen, temperamentvollen Liebhaber Alfredo, während Kostas Smoriginas als sein Vater so streng rüberkam, dass ich ihm am liebsten die Tür vor der Nase zuknallen würde.

That being said, die gesamte Besetzung war beeindruckend. Kevin Greenlaw (Barone Douphold), Pete Thanapat (Marchese d’Obigny), Ivo Stanchev (Dottore Grenvil), Aaron Godfrey-Mayes (Giuseppe) sowie die Statisterie und Tänzer*innen der Bregenzer Festspiele: Sie alle lieferten trotz schwülen Sommerabends und einer Bühne, bei der alle Wege mindestens 20 Schritte benötigen und zur Hälfte durchs Wasser führen, eine Top-Leistung. Es muss echt anstrengend sein, es so unfassbar leicht aussehen zu lassen.
Kurz zusammengefasst: Wer es nächsten Sommer nach Bregenz schafft, dem würde ich einen Besuch absolut ans Herz legen – und wenn es nur für eine Führung oder für ein anderes Stück im Programm ist. Allein der Vibe rund um die Festspiele ist es wert!