Jakob Brossmann (* 1986) ist ein österreichischer Dokumentarfilmer, Bühnenbildner und künstlerischer Leiter des Festivals „Stimmen der Wildnis“ bei Globart. Im Interview spricht er über seine Arbeit, wieso es das Klimakrisenthema im Kulturbetrieb schwer hat und weshalb Kunst trotzdem helfen kann.
Noch vor dem Rauschen des Verkehrs. Noch vor der Müllabfuhr, den hupenden Fahrern, zwitschert die Amsel selbst in den Großstädten Österreichs früh morgens noch unverdrossen. Ihr Gesang ist vielfältig und kräftig in den hallenden Straßenschluchten, doch sehr isoliert und meist nur von kurzer Dauer. Nicht nur gehen Naturgeräusche meist im Stadtlärm unter. Sie werden auch weniger. Denn Lärm nimmt Einfluss auf die Artenvielfalt, zum Beispiel dadurch, dass er die Nahrungssuche von Vögeln stört.
Welche Stimmen würden wir überhaupt noch vernehmen, wenn von Menschen erzeugte Geräusche reduziert werden? Was gewinnt der Mensch, wenn er der Natur zuhört? Was erfährt er über den Zustand unterschiedlicher Ökosysteme? Diesen Fragen widmet sich das Festival „Stimmen der Wildnis”. Es findet jährlich im Frühjahr in St. Pölten statt und schafft durch Vorträge, Workshops und Konzerte Räume, in denen die Natur „für uns Menschen als lebendiges Gegenüber erfahrbar wird”, so der künstlerische Leiter Jakob Brossmann.
Globart ist ein Verein für diskursive Praxis mit Sitz in Wien und Melk. Seit 1997 konzipiert er Formate, die Wissenschaft, Kunst und Zivilgesellschaft zusammenführen, um gemeinsam auf die Herausforderungen der Gegenwart zu reagieren. Neben den genre- und disziplinenübergreifenden, jährlich stattfindenden „Tagen der Transformation“ in Melk entwickelt und realisiert Globart Ausstellungen, Buchprojekte, Gesprächsreihen und Diskursfestivals.
Die Natur ist unsere Lebensgrundlage. Allein in Österreich sind schon jetzt mehr als 80 % der EU-geschützten Lebensräume und Arten in einem ungünstigen Erhaltungszustand. Das wird aktuell besonders spürbar, wenn im Sommer das Grundwasser knapp wird oder aufgrund der Trockenheit Wälder schneller zu brennen beginnen. Ich habe mit Jakob Brossmann darüber gesprochen, warum und wie das Festival gerade jetzt in den Dialog mit der Natur treten will.
“Bei Festivals kommen ganz unterschiedliche Publikumsgruppen zusammen.”
Was macht das Festival „Stimmen der Wildnis“ so besonders?
Man könnte sagen, wir sind das erste “öko-akustische Festival” in Österreich, vielleicht auch in ganz Europa. Hinzu kommt die demokratiepolitische Dimension. Die Auseinandersetzung mit ökologischen Fragen und der Dialog mit der Zivilgesellschaft sind bei Globart schon lange sehr wichtig. Wir gehen davon aus, dass die Stimme der Natur nicht nur eine wissenschaftliche, sinnliche und künstlerische Dimension hat. Wir glauben, sie lässt sich in demokratische Prozesse übersetzen.
Zum Beispiel durch die Gründung des Parlaments der Wildnis, bei dem vor allem junge Menschen Anliegen und Anträge, die aus der Zivilgesellschaft eingebracht werden, verhandeln und diskutieren. Das Parlament ist ein Modellversuch, bei dem wir zeigen, wie wir die Natur in demokratische Prozesse binden könnten. Die Grenzen, wer Teilnehmende, wer Mitgestaltende und Beitragende ist, verschwimmen dabei. Es ist ein gemeinsamer Prozess, bei dem Allianzen entstehen.
Welche Allianzen sind schon aus dem ersten Durchgang entstanden?
Beispielsweise gab es eine intensive Vernetzung mit der gerade anlaufenden, europäischen Bürger*innen-Initiative Rights for Nature. Aber es ist noch zu früh, um eine eindeutige Bilanz ziehen zu können.
Warum hast du die „Stimmen der Wildnis” als Festival konzipiert?
Weil Festivals eine große Verdichtung, Intensität und große Perspektivenvielfalt mit sich bringen. Es kommen ganz unterschiedliche Publikumsgruppen zusammen. Begegnungen über viele Disziplinen hinweg sind uns ein zentrales Anliegen.
“Wenn Social Media der einzige Kommunikationskanal wäre, wäre es schwierig.”
Was motiviert dich?
Menschen, die auf unseren Veranstaltungen Kraft schöpfen. Der Klimaaktivismus und die intensive Beschäftigung mit der Ökologie haben mir gezeigt, dass wir es mit einem Jahrzehnte andauernden Ringen zu tun haben. Damit Menschen das durchhalten, müssen wir auf irgendeine Art und Weise Kraft finden, um dran zu bleiben. Auch und gerade dann, wenn sich das gesellschaftliche Klima so stark verschiebt, wie es das jetzt gerade tut.
Was erschwert deine Arbeit?
Im Kulturbetrieb gibt es immer eine gewisse Unsicherheit. Die Junior-Koalitionspartner (FPÖ) in Niederösterreich sind mit unserer Arbeit nicht zufrieden und haben schwerwiegende ideologische Probleme damit. Dementsprechend waren wir in der Geschichte von Globart schon medialen Angriffen ausgesetzt. Förderentscheidungen wurden attackiert – aber zum Glück haben wir mutige und verlässliche Partner gefunden.
Eine andere Schwierigkeit stellen Social Media-Plattformen dar, auf denen man zu seinem Publikum durchdringen muss. Das ist nicht leicht in einem hoch kommerzialisierten Umfeld, das nur so tut, als wäre es inhaltlich interessen-getrieben. Tatsächlich hat man es mit ideologisch verzerrten Algorithmen zu tun, die letztendlich versuchen, die Aufmerksamkeit zu monetarisieren und uns nicht nur ihrer Logik unterwerfen, sondern auch noch Geld von uns verlangen.
Natürlich nutzen wir Social Media trotzdem, um neue Menschen zu erreichen. Wenn das aber der einzige Kommunikationskanal wäre, wäre es sehr schwierig. Aber da wir jahrzehntelang Aufbauarbeit geleistet haben – zum Beispiel mit Newslettern und Pressearbeit –, sind wir nicht auf Social Media angewiesen.
Das Festival Stimmen der Wildnis ist ein Projekt des Museum Niederösterreich – Haus für Natur in Kooperation mit Globart unter der künstlerischen Leitung von Jakob Brossmann. Es fand 2026 das erste Mal statt und soll ab nun jährlich im Frühjahr in St. Pölten stattfinden. Es verbindet ökoakustische Forschung, Naturerleben und Musik mit demokratischem und zivilgesellschaftlichem Engagement.
“Kultur kann helfen zu verstehen, was überhaupt passiert.”
Ist Kunst mit Bezug zur Klimakrise schon im Kulturbetrieb und Kulturjournalismus angekommen?
Wir sind noch lange nicht dort, wo wir im Bereich Kunst und Kultur hin müssten. Ich sehe, dass die kulturelle Bedeutung der Klimakrise, insbesondere auch des Biodiversitätsverlustes, bisher kaum reflektiert wird und wir da erst am Anfang stehen. Bei vielen Künstlerinnen und Künstlern gibt es ein immer größeres Bewusstsein dafür. Ich glaube auch, dass die Kunst und die Kultur viel dazu beitragen können, zu verstehen, was überhaupt gerade passiert. Und um Lebensweisen zu entwickeln, die weniger schädlich sind.
Ich halte es für sehr wichtig, dass Kunst in der Auswahl ihrer Inhalte frei bleibt. Doch ich denke, dass die Beschäftigung im Kulturbetrieb mit der Klimakrise, auch weil es zu wenig Förderungen und zu wenig institutionelles Bewusstsein dafür gibt, zu spät kommt. Gerade erleben wir durch den Rechtsruck, wie weltweit ökologische Diskurse zurückgefahren werden. Das ist schon sehr besorgniserregend.
Wie könnte man das Bewusstsein auf institutioneller Ebene stärken?
Dranbleiben. Einerseits inhaltlich, andererseits immer wieder neue Zugänge suchen. Welche Geschichte kann man erzählen? Wie kommt man gegen die medialen Erschöpfungsphänomene an? Wie bleiben wir im Dialog? Wie kann ich einen Raum schaffen oder auch aufrechterhalten? Indem wir die Öffentlichkeit auf überraschende Weise mit Fragestellungen konfrontieren. Die Ökologie birgt großes Potenzial. Sich mit ihr zu beschäftigen hat – neben allen Sorgen und Verlusten – auch etwas Freudvolles. Sie zieht uns an, lädt dazu ein, sich einzulassen und bringt viel Schönheit mit sich.

“Man kann nicht jahrzehntelang ‘5 vor 12’ schreien.”
Welche Schwierigkeiten ergeben sich dabei, die Klimakrise künstlerisch zu thematisieren?
Die Zeitdimension der Krise ist das Hauptdilemma. Man kann nicht jahrzehntelang schreien, es sei “fünf vor zwölf”. Das ist ein grundlegender Konflikt, da wir Menschen 10, 20, 30 Jahre als wahnsinnig lang empfinden. Für Prozesse wie Erderhitzung und Massensterben sind das sehr kurze Augenblicke. Es bleibt wenig Zeit, in der wir wirklich große Umwälzungsprozesse in Gang bringen müssen. Über viele Spielzeiten oder im Rahmen eines Festivals lässt sich das permanente Warnen aber nicht aufrechterhalten.
Die Kunst besteht darin, eine Dynamik und eine Erzählweise zu finden, die diese Realitäten anerkennt und ein Bewusstsein dafür schafft, dass wir alle mit dieser Herausforderung leben müssen.
Ein klassisches österreichisches Erfolgsbeispiel war die Volksabstimmung gegen das Atomkraftwerk, also die Anti-AKW-Bewegung. Das war natürlich fantastisch, da sich alles auf die konkrete Abstimmung zugespitzt hat. Damit war die Sache scheinbar gelöst. Das funktioniert im Narrativ und auch in der Mobilisierung wahnsinnig gut. Die bittere Erkenntnis ist, dass der Klimawandel eben nicht so leicht gelöst ist, wir also entsprechend ganz andere Dramaturgien brauchen.
Demokratische Aushandlungsprozesse brauchen Zeit. Warum sollte man trotz der Dringlichkeit der Klimakrise nicht das Handtuch werfen?
Es geht um jedes Zehntelgrad. Klimafatalismus können wir uns einfach nicht leisten. Es geht darum, als Gesellschaft möglichst solidarisch zu werden. Wir müssen begreifen, dass wir den Kampf um jedes Zehntelgrad nicht für uns führen, sondern für Mit-Menschen und Mit-Welt, die von der Erhitzung stärker betroffen sind als wir. Und wir müssen in Zukunft immer öfter konkret handeln, um die Folgen der Erhitzung zu bewältigen, das heißt zum Beispiel, sich in der nächsten Hitzewelle bei der älteren Nachbar*in nach dem Wohlergehen zu erkundigen und Abkühlungsmöglichkeiten zu organisieren.
“Kunst kann ein Werkzeug sein.”
Wie können Kunst und Kultur dabei helfen?
Wichtige Bausteine sind sicher konkrete Begegnungen, in denen man sich emotional mit dem Thema befasst und dieses neue “in-der-Welt-sein” gemeinsam reflektiert. Gemeinsam feiern und sich über die schönen Dinge freuen, damit wir das Ringen um jedes Zehntelgrad durchhalten. Aber auch um zu verstehen, was es eigentlich heißt, in diesen Zeiten zu leben.
Kunst kann ein Werkzeug sein. Sie fragt immer schon nach der Conditio Humana, also danach, was es bedeutet, Mensch zu sein. Und das ist vielleicht die größte Aufgabe, die die Kunst überhaupt hat.
Wie hat sich dein Blick auf die Natur durch die künstlerische Leitung geändert?
Die Arbeit am Parlament der Wildnis hat meinen Horizont sehr erweitert. Es war eine wahnsinnig schöne Erfahrung, zu erleben, wie Menschen zusammenkommen und als symbolischen Akt so ein utopisches Potenzial einmal durchspielen. Mir hat Mut gemacht, dass sich so viele Menschen darauf einlassen können. Das zeigt ja, dass es eine Bereitschaft gibt und dass wir im Diskurs viel weiter sind als gedacht.
Ich komme zu Stimmen der Wildnis nicht als Biologe, Birdwatcher oder Vogelstimmenexperte. Ich war eigentlich auf der Suche nach einer Sensibilität und bin aus Neugier zum Thema des Zuhörens gekommen. Die breite Auseinandersetzung hat meine akustische Sensibilität nochmal ganz stark intensiviert. Überall, wo ich jetzt hinkomme, habe ich viel ausgeprägtere, völlig unwissenschaftliche Beobachtungen von Naturgeräuschen.

“Die großen Errungenschaften kamen nicht von jetzt auf gleich.”
Wie können wir das Zuhören erlernen?
Ganz grundsätzlich glaube ich, dass Zuhören ein Übungsweg ist und dass es sich lohnt, weil es so erfüllend ist. Gerade im Bereich der Kunst können wir das auf die wunderbarste Art und Weise erleben.
Was müssten wir neben dem Zuhören noch lernen?
Eine sehr kostbare Fähigkeit ist, sich den Wandel vorstellen zu können. Angesichts der sehr unerfreulichen Faktenlage kommt einem das schnell abhanden. Die meisten großen Errungenschaften, wie Abschaffung der Sklaverei, Arbeiter*innenrechte, Frauenwahlrecht oder bereits errungene Naturschutz, kamen nicht von jetzt auf gleich und galten erstmal als sehr unwahrscheinlich. Für all diese Rechte haben Menschen über Generationen gekämpft. Trotz Niederlagen und scheinbarer Aussichtslosigkeit haben sie daran festgehalten. Das ist eine Grundvoraussetzung für Veränderung und das müssen wir auch üben.
Ihr habt das Parlament der Wildnis gegründet. Wie geht es damit jetzt weiter?
Wir sind gerade dabei, die Publikation auszuarbeiten, die die Ergebnisse des Parlaments präsentiert. Es wird gleichzeitig ein Handbuch werden, wie man ein Parlament der Wildnis selbst gründen kann. Wir hoffen, dass wir Menschen dazu inspirieren, mit ähnlichen Räumen selbst zu experimentieren. Wir entwickeln aber auch schon das Programm für die Stimmen der Wildnis im nächsten Frühjahr.
Welche Kulturveranstaltungen sollten junge Menschen besuchen, um Mut zu schöpfen?
Ich möchte insbesondere für alles Dokumentarische plädieren, weil es sich der Welt stellt und Hoffnung geben und Handlungsmöglichkeiten aufzeigen kann. Ich würde mir total wünschen, dass das Theaterprojekt widerSTADT von Phehnix wieder aufgenommen werden würde. Es handelt von Geschichten aus dem Widerstand gegen den Austrofaschismus. . Und ich möchte jedem Menschen, ob alt oder jung, empfehlen Nikolaus Habjans Stück „F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“ anzuschauen. Dieses Stück hat mich tief bewegt und es hat mein Bild von Österreich für immer verändert – und es zeigt, zu was Menschen in der Lage sind, im Schlechten, wie im Guten.
Welche Dokumentarfilmer*innen haben dich besonders geprägt?
Ich bin stark beeinflusst von österreichischen Dokumentarfilmer*innen wie Ruth Beckermann, Nikolaus Geyrhalter, Michael Glawogger. Aber auch vom Direct Cinema, z.B. Frederick Wiseman.
Welche Dokumentarfilme würdest du jungen Menschen empfehlen?
Alle! Alle Filme, die von Menschen und ihren Lebenswelten erzählen und uns neue Perspektiven eröffnen. Ich bewundere zum Beispiel „Wie die anderen“ von Constantin Wulff, ein Film über den Alltag in einer Jugendpsychiatrie. Oder ganz anders, sehr unterhaltsam und super politisch „Noch lange keine Lipizzaner“ von Olga Kosanović. Dokumentarfilm ist so vielfältig…
Was würdest du gerne jungen Menschen mitgeben?
Ich glaube, dass es wichtig ist, ehrlich zu sein, insbesondere gegenüber euch jungen Menschen. Wir müssen uns klar machen, dass es keine einfachen Siege gibt. Die Klimakrise wird nicht irgendwann bewältigt oder vorbei sein. Niemals wird der Moment kommen, wo wir sagen können: jetzt ist es eh zu spät. Die Transformation und Folgenanpassung wird ein Kampf und Aushandlungsprozess bleiben. Das wird Menschen, die heute jung sind, ihr ganzes Leben lang begleiten.
Das zweite ist, dass sich Engagement lohnt. Sich Dingen mit Leidenschaft und hohen Idealen zu widmen, ist keine vergeudete Lebenszeit. Im Gegenteil, die Welt braucht es. Aber vor allem gibt es einem auch selbst ganz viel.