Das junge teatro-Ensemble setzt den Klassiker von Antoine de Saint-Exupéry gekonnt als abendfüllendes Musical in Szene. Gespielt wird jedes Wochenende bis 2. August im Mödlinger Stadttheater.
Gerade einmal 92 Seiten hat die deutsche Standardausgabe von Antoine de Saint-Exupérys berühmter Erzählung „Der kleine Prinz“, die der Franzose 1943 im US-Exil geschrieben hat. Und da sind viele Illustrationen dabei. Kann man dieses kleine Büchlein wirklich zu einem Musical mit fast zwei Dutzend Darsteller*innen und 2 Stunden 20 Minuten Laufzeit auswalzen?
Ja, man kann. Und in der Inszenierung von Norberto Bertassi für sein Jugendtheaterprojekt teatro im Stadttheater Mödling funktioniert das ganz wunderbar. Das liegt erstens daran, dass Librettist und Regisseur Norbert Holoubek die Geschichte ein bisschen anders aufzäumt als im Original und dabei chronologisch so gut aufbaut, dass keine Rückblenden notwendig sind. Das macht das Ganze für das junge Publikum leichter verständlich.
Zweitens hat der musikalische Leiter Bernhard Jaretz eingängige Melodien komponiert und arrangiert, die einen selbst im weichen Sitz nicht stillsitzen lassen. Und drittens werden diese Melodien vom Ensemble wie gewohnt nicht nur gesungen, sondern auch tänzerisch so unterhaltsam auf die Bühne gebracht, dass man teatro-Choreografin Katharina Strohmayer nur gratulieren kann. Besonders ansprechend sind auch einmal mehr die Kostüme, die in der Modeschule Michelbeuern entstanden sind. Und so kommt es, dass nicht nur Hauptdarsteller Niklas Petzer mit seiner glockenhellen Stimme zur weizenblonden Mähne das Publikum vom ersten Ton weg in seinen Bann zieht, sondern auch die anderen jüngeren und älteren Ensemblemitglieder teils tobenden Applaus bekommen. Weil es einfach immer wieder aufs Neue Spaß macht, den jungen Wilden dabei zuzusehen, was sie monatelang gemeinsam erarbeitet haben.
Als teatro-Stammgast ist es auch immer wieder spannend, nach bekannten Gesichtern aus vergangenen Produktionen Ausschau zu halten. Die findet man auch, allerdings hat Norberto Bertassi für diese Inszenierung auch zahlreiche Neulinge auf die Bühne geholt.
Ein Fuchs, eine Schlange, ein Hund, eine Katze, ein Gockel, ein Uhu, . . .
Wenn man zwei Dutzend Darsteller*innen mit Rollen versorgen will, in einer Geschichte, die ursprünglich nur 16 Figuren umfasst, muss man manches ein bisschen ausbauen. Das ist mit Bedacht geschehen, und ein Teil der Lösung heißt Skalieren. Sprich: Nicht ein König sitzt alleine ohne Volk auf seinem Planeten, sondern eine ganze Königsfamilie.
Der Laternenanzünder hat einen Hahn und einen Uhu als Gesellschaft bekommen, und auch der Eitle, der Säufer, Geschäftsmann und der Geograf sind hier nicht alleine auf ihren jeweiligen Planeten, sondern treten jeweils in Rudeln auf – was an ihrer Situation aber nichts ändert. Dafür eröffnen sich gesanglich und tänzerisch neue Möglichkeiten, und von Cancan über Hip-Hop bis Nestroy-Couplets ist hier so ziemlich alles dabei.
Langweilig oder langwierig ist es jedenfalls an keiner Stelle. Und die paar Tiere, die sich neben dem Fuchs und der Schlange in das Musical geschummelt haben, stören nicht, sondern fügen sich sehr gut ein. Auch der Hund und die Katze, die als Begleiter*innen für die Pilotin (ja, hier ist es eine Frau) mit dabei sind und die Szenen humoristisch auflockern. Intendant Norberto Bertassi war es wichtig, das auf einem Kunstmärchen für Erwachsene basierende Stück möglichst kindgerecht zu gestalten.

Kindliche Fantasie und Naturschutz
Inhaltlich folgt „Der kleine Prinz“ in Mödling drei großen Themen: Da ist erstens die schon im Original immer wieder durchklingende Wehmut angesichts erwachsener Kindheitsvergessenheit und Fantasielosigkeit. Zweitens die große Erzählung über den Wert von Freundschaft, Vertrauen und Solidarität. Und drittens die gerade in unserer Zeit immer drängender werdende Sorge um die Schöpfung, durch die sich die Hauptfigur bewegt.
„Die Erde ist nicht nur irgendein Planet“, singt der Chor an einer Stelle – und dieser Satz, dem zwischen den Zeilen ein Aufruf zu Umwelt- und Klimaschutz folgt, kann gut auf einer Stufe mit dem ikonischen Zitat „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ stehen. Und weil sie zur Lebensrealität heutiger Jugendlicher einfach dazugehören, kommen auch Social Media und Influencer*innen kurz vor – oder besser gesagt: die Kritik an ihren negativen Auswüchsen.
Ein historischer Hochzeitskrimi
Es gibt als genügend mitzunehmen aus diesem Musical, das den Auftakt zur neuen teatro-Saison bildet, die seit 18. Juli intensiviert wurde. Da hatte die zweite Produktion dieses Sommers Premiere: Für „Renzo & Lucia“ wurde der im 17. Jahrhundert spielende Roman „I Promessi Sposi“ von Alessandro Manzoni adaptiert. Das Ensemble ist genauso groß wie jenes für „Der kleine Prinz“, nur kommen hier vor allem Ältere zum Einsatz, darunter auch der teatro-Senior Peter Faerber.
Hier geht es um eine verhinderte Hochzeit zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, bei der ein Feudalherr seine Finger im Spiel hat und das Brautpaar in ein Abenteuer flüchten muss. Beide Stücke werden bis inklusive 2. August jeweils am Wochenende gespielt.
Selbst ein Theaterstück entwickeln
Parallel dazu läuft das viertägige teatro creative lab im Stadttheater Mödling, in dem die Teilnehmer*innen (8 bis 14 Jahre) von 27. bis 30. Juli vier Tage lang ihr eigenes Theaterstück entwickeln und am Ende aufführen können (Info und Anmeldung: michaela.hess@teatrowien.at). Und in der darauffolgenden Woche gibt es von 3. bis 7. August einen speziellen Workshop zu „Der kleine Prinz“, in dem Kinder ab 3 Jahren Musical-Luft schnuppern können. Gut möglich, dass der eine oder die andere Teilnehmer*in in ein paar Jahren Teil des teatro-Ensembles sein wird.