Die diesjährigen Wiener Festwochen und das „Stück Donaugold” antworten auf eine zerrüttete Welt. Doch eine der wichtigsten Krisen der Gegenwart, die Klimakrise, bleibt in der „Republic of Gods” unterrepräsentiert. Dabei hätte sie gut zum Thema gepasst. Kultur*knistern hat für euch vier Veranstaltungen besucht, die sich trauen, der Realität ins Auge zu blicken.
„It´s Time for New Gods” verkünden die diesjährigen Wiener Festwochen (WF). Warum? Weil Gott von dem Philosophen Friedrich Nietzsche schon vor 140 Jahren als tot erklärt wurde und sich seitdem – wirklich verflixt – Glaube und Aberglaube hartnäckig halten würden. Auf der WF-Website steht nun die rhetorische Frage:
„Sind wir nicht tiefer denn je geprägt von der Angst vor dem Weltende und der Hoffnung auf Erlösung?”
Die Sehnsucht nach Göttern ist groß. Deshalb begeben sich die Festwochen auf die Suche nach neuen Göttern.
Jetzt wird’s meta: Klima, Philosophie & Theater in einem.
Bleibt man philosophisch, könnte man antworten, dass jede Suche aus dem Wunsch entsteht, einer unbefriedigenden Situation zu entkommen. Ein kurzer Blick auf diese Ausgangslage kann deshalb hilfreich sein. Denn der Ausgangspunkt beeinflusst die Suche und bestimmt womöglich das Ziel mit. Nehmen wir die Suche ernst, stellt sich die Frage, in was für einer Gesellschaft wir leben. Aber auch woher die Angst kommt. Warum es einer Erlösung bedarf und wovon wir uns befreien sollten.
Diese Fragen schreien gerade danach, sich mit der größten Krise unserer Gegenwart auseinanderzusetzen. Das diesjährige Programm umfasst insgesamt 35 internationale Produktionen und rund 170 Vorstellungen. Darunter finden sich aber gerade mal sechs Veranstaltungen – zwei Theaterstücke, drei Debatten und eine Filmvorführung – die sich schwerpunktmäßig mit der globalen Erwärmung und ihren Folgen für die Menschheit beschäftigen.
Kultur*knistern hat sich drei Stücke im Rahmen der Wiener Festwochen herausgesucht und zusätzlich dazu „Donaugold” von Nesterval, eine Produktion von brut Wien, für euch angesehen. Alles, um das Thema Klima doch noch ein wenig mehr in den Fokus zu rücken.
1. The Last Insurrection – Die offene Frage
In der Debatte mit Vertreter*innen der Tarnac-Gruppe und der Letzten Generation Österreich sollte es eigentlich darum gehen, inwiefern der linke, antikapitalistische Essay „Der kommende Aufstand“ (2007) als religiöser Text verstanden werden kann. Wahrscheinlich deshalb, weil religiöse Schriften (wie die Bibel oder der Koran) auch zukünftig ein Fundament für neue Weltreligionen sein könnten.
Daraus erschließt sich aber leider noch nicht, inwieweit ein zwar radikalpolitischer, doch weltlicher – menschenverfasster – Text mit göttlich eingegebenen Offenbarungsschriften vergleichbar sei.
2. & 3. Donaugold & Wallden – postapokalyptisch leben: zwei Testläufe
Manchmal führen Vorbehalte hinters Licht. So auch bei den immersiven Theaterstücken „Wallden” und „Donaugold” des Ensembles Nesterval. Die Apokalypse ist hier schon eingetreten. Doch die Aufmachung täuscht.
Nesterval lässt sein Publikum unangenehm tief in die autoritäre Welt weniger Privilegierter in Donaugold und in die selbstversorgende Kommune in der Natur Walldens eintauchen. Das zwingt einen gerade dazu, sich mit möglichen Zukunftsszenarien und den dort vorherrschenden Werten auseinanderzusetzen. Und das auf Basis von alten Erzählungen. Beide Stücke sind miteinander verbunden und verlagern die germanisch-skandinavische Nibelungen-Heldensage in die nahe Zukunft. Die schon damals verhandelten Themen bleiben aktuell.
4. The End of the World – kein Hirngespinst
Mitte Juni hatte es auf dem Badeschiff gegen 20:00 Uhr exakt 29°C. Die lauten Ventilatoren kühlen nicht mehr, sie wurden vor der Debatte „The End of the World” mit dem Aktivisten Tadzio Müller, Politikwissenschaftler Fabian Scheidler und der Psychologin Veronika Zak ausgeschaltet.
Auf den Stirnen der Diskutierenden stehen die Schweißperlen, das Denken fällt schwerer. Wassergläser werden pausenlos ausgetrunken und wieder gefüllt. Es gibt wohl keine passendere Kulisse, um über das Ende der Menschheit zu reden.
Ein paar letzte Worte
Der Start mit der Debatte „The last insurrection” fand ich holprig. Donaugold und Wallden lenkten meinen Blick in die Zukunft. „End of the World“ lieferte mir Vorschläge, wie mit dem Worst-Case-Szenario schon jetzt umgegangen werden kann. Das ist insgesamt ein guter Anfang, der in aller Ehrlichkeit zeigt: Neue Götter könnten verschleiern, dass gesellschaftlich auf allen Ebenen noch viel zu tun ist.
Trotz allem enttäuscht mich die Anzahl der Festwochen-Veranstaltungen mit Klimabezug. Die Klimakrise ist in ihrer Dringlichkeit kaum zu überbieten und das diesjährige Thema der Festwochen hätte eine tiefere und breiter gefächerte Beschäftigung gut zugelassen.
Gerade im Hinblick auf ihre internationale Sichtbarkeit und die Klimakrise als Kulturkrise, könnten die Festwochen ihrem Ruf, zu provozieren und polarisieren, stärker nachgehen.