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Wenn der Reichtum über der Menschlichkeit steht ** The Great Gatsby – F. Scott Fitzgerald

Veröffentlicht 18. Sep., 2026

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Bereits 1925 erschienen und (leider) immer noch aktuell: “The Great Gatsby” erzählt von einer fiktiven, reichen Gesellschaft der Goldenen Zwanziger, die egozentrisch durchs Leben geht – ohne Rücksicht auf Verluste.  

Der Nachbar, der einfach mal drauf los erzählt: Worum geht’s?

Der Erzähler der Geschichte Nick Carraway ist ein anständiger Mann, der mehr aus seinem Leben machen möchte. Er beschließt, nach West Egg, Long Island, zu ziehen, um dort seine Karriere als Anleger voranzutreiben. Neben ihm wohnt Jay Gatsby, der durch seine imposanten Parties auf seinem Anwesen gefühlt jeden New Yorker zu seinen engen Bekannten zählt. Niemand weiß eigentlich, wer genau dieser Herr Gatsby ist, wodurch etliche Gerüchte über seine Vergangenheit und seinen Reichtum kursieren. 

Nick und Gatsby werden Freunde, aber nicht ganz ohne einen Hintergedanken. Gatsby möchte mit seinen Festen die Aufmerksamkeit seiner großen Liebe Daisy auf sich ziehen, die zufälligerweise Nicks Cousine ist. Sie ist jedoch mit dem angesehenen Tom Buchanan verheiratet, der wiederum nicht viel von Treue hält. Dank Nick sehen Daisy und Gatsby einander wieder und beginnen eine Affäre. Aufgrund vieler Geheimnisse, Intrigen und Missverständnisse kommt es zu einem großen Streit zwischen Tom, Daisy und Gatsby, der zu einem ungewollten Totschlag und Mord führt. 

So distanziert, dass es kaum berührt

In der Perspektive von Nick Carraway wird die Geschichte geschildert, als würde man trocken die Nachrichten in der Zeitung verfolgen. Keine Emotionen, keine Aufregung, keine Freude. Aufgrund seiner Rolle als Nachbar schafft sein Erzählstil eine gewisse Distanz und Oberflächlichkeit, die über das gesamte Werk eingehalten wird – das geschieht scheinbar mit voller Absicht. Der Autor möchte womöglich, dass eine Kühle und Wurschtigkeit fühlbar ist, um die Gleichgültigkeit der Reichen gegenüber der unteren Schicht zu unterstreichen.  Lediglich am Ende, bevor der Mord geschieht, spüre ich erstmals einen Mini-Funken Gefühl, da Nick seinem Freund Jay Gatsby ein Kompliment macht. 

Da von der Geschichte selbst im Allgemeinen keine Gefühle hervorgebracht werden, hat sich mein Körper verselbstständigt und eben selbst Emotionen in das Geschehen hineinprojiziert, um diese Kälte zu überwinden. Diese hat für mich auch dazu geführt, dass ich manche Passagen nochmals lesen musste, wie beispielsweise die Mordszene, die so emotionslos hingeworfen wurde, dass ich mir gar nicht sicher war, was da eigentlich passiert ist. Grundsätzlich geht es dem jungen Gatsby ja darum, seine Jugendliebe Daisy zurückzugewinnen, doch auch die Schilderungen über seine Aufregung, Hingabe und Liebe wirken trocken und hingefetzt. 

Gatsbys Party ist überall – auch heute noch

Die Gesellschaft in der Geschichte ist zwar erfunden, jedoch ist sie viel realer, als man denken mag. Die Menschen gehen alle auf Gatsbys Party, um Teil der “Who is Who” zu werden. Manche schleichen sich über Bekannte zu den Feiern, damit sie gesehen werden und auch mit dabei waren. Die meisten Gäste haben auch nur für das Geld und nicht aus Liebe geheiratet, denn es wird gestritten ohne Ende und stets werden neue Gerüchte in die Welt gesetzt. 

Alle Gäste wollen durch ihre Erzählungen zeigen, wie nah sie dem Veranstalter Gatsby stehen. Tatsächlich sind es aber nur Menschen, die gierig nach Geld, Anerkennung und Macht sind und andere Menschen aus der unteren Schicht als wertlos betrachten. Das sieht man daran, dass zur Beerdigung Gatsbys absolut niemand erscheint und auch das Leben von Toms Affäre völlig egal ist. Daisy, die Toms Affäre ungewollt überfahren hat, verlässt in Windeseile mit ihrem Mann Tom die Stadt, ohne Reue oder Konsequenzen für ihr Handeln.

Ein 100 Jahre alter Spiegel unserer Gesellschaft

Obwohl der Roman schon 100 Jahre alt ist, wirkt die Gesellschaft gar nicht so skurril und unrealistisch. In der reichen Gesellschaft dominieren immer noch kapitalistische Werte, wo Gefühle oder Schicksale anderer in den Hintergrund gedrängt werden. Die Erzählung ist spannend und irritierend zugleich, da sich hier Emotionslosigkeit, Melancholie und Entsetzen vereinen. Die Art, wie diese eigentlich berührende und traurige Geschichte erzählt wird, macht sie so fesselnd und faszinierend. Nicht ohne Grund ein Klassiker!

F. Scott Fitzgerald, „The Great Gatsby“. € 7,00 / 176 Seiten. Anaconda, Köln 2024. In Englischer Sprache. Original: 1925

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