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Wien, deine starken Lesben! ** Lesben Wrestlen Arm

Veröffentlicht 08. Nov., 2026

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Wenn die Instagramposts einer Lesbe von lüsternen Kommentaren geflutet werden, bedeutet das normal nichts Gutes. Außer natürlich, sie kommen von anderen Lesben. „Ich bin so thirsty für euch.“ Emojiauswahl: Kussmund, Zunge, Bizeps. So oder so ähnlich sieht es unter den Posts von „Lesben Wrestlen Arm“ aus, einem neuen Wiener Eventkollektiv, das schon vor seiner ersten Veranstaltung einen regelrechten Hype ausgelöst hat. Die Wiener Lesben sind flirty, sie sind viele, und vor allem sind sie lautstark, wenn es darum geht, einander zu supporten. Was tut sich gerade in der Wiener Lesbenszene?

Contestants Flo (Erstplatziert) und Kate (Zweitplatziert) (c) Leah Hochedlinger
Durstige Dykes*, starke Arme, schwache Knie: Contestants Flo (Erstplatziert) und Kate (Zweitplatziert) (c) Leah Hochedlinger

What a dyke* wants

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass viele Lesben überall hingehen, wo das Wort lesbisch draufsteht. I’m a simple dyke*. Innerhalb weniger Tage nach seinem Launch hat der Instagramkanal von LWA die Tausendermarke überschritten, und das noch vor dem ersten Event. Dafür verantwortlich sind smartes Branding und ein Konzept, das für Wien noch recht frisch ist. Denn während andere Städte Europas, etwa Brüssel oder Paris, schon länger dem lesbischen Armdrücken verfallen sind, feierte LWA Ende September 2026 seine Premiere in Wien.

Und die hatte es in sich: Mit einem Andrang wie bei einer Fußball-WM hatte das vierköpfige Kollektiv nämlich nicht gerechnet. In einer kleinen, unabhängigen Kulturstätte im 8. Bezirk platzte das dunkle Souterrain schon vor Beginn aus allen Nähten, während sich draußen eine Schlange die Straße entlangzog. Konfrontiert mit den Massen musste das Team schnell troubleshooten. Einen Instagram-Livestream gab es ohnehin, die Bar nebenan wurde dann prompt zu einer Sportbar mit Public Viewing umfunktioniert.

„Wir hätten nicht gedacht, dass Wien so lesbisch sein kann. Das Event hat super funktioniert, obwohl nur geschätzt 15 % der Masse reingekommen sind. Alle waren trotzdem total happy und respektvoll. Auch auf der Straße und im Nebenlokal haben die Leute dann gewrestlet. Das Communitygefühl war überwältigend.“ – Marlis Kuta, Gründer*in

Ordentlich Stimmung beim LWA (c) Leah Hochedlinger
Ordentlich Stimmung beim LWA (c) Leah Hochedlinger

It’s all drag, baby

Ein mit Strap-Harnesses (mit Augenzwinkern herangezogenes Accessoire für ein Sex-Toy) behängter Referee, ein 80er-Porno-Style Drag King als Emcee und zwei Mascs hinter den Kulissen ziehen hier die Massen an, die nur darauf brennen, schwitzenden Lesben beim Armdrücken zuzusehen und mitzugröhlen. Warum stehen alle auf Lesben Wrestlen Arm?

LWA ist kein Profisportevent (auch, wenn der erste LWA-Pokal an die Betreiberperson eines queeren Fitnessstudios ging), sondern offen für alle, die sich als Dykes* identifizieren. Als Zeugin des ersten Events habe ich, ohne gezielt danach zu suchen, verschiedene Beweggründe der Contestants aufgeschnappt: Ich will meinen Crush beeindrucken. Ich will als feminine Lesbe zeigen, dass wir unterschätzt werden. Ich will Spaß haben und meine Freund*innen unterhalten. Irgendwo ist es auch Performancekunst, denn traditionelle Genderrollen werden hier bewusst nachgeahmt, überspitzt und auch gebrochen.

„Wir wollen hier aktiv gegen die soziale Isolierung arbeiten, mit der wir Lesben oft zu kämpfen haben. Armdrücken ist die perfekte Ausrede, sich zu berühren, Händchen zu halten und sich in die Augen zu schauen.“ – Greta Springsfeld, Co-Gründer*in

Coach Katschi und Referee Sylvie Moschitz dürfen im leidenschaftlichen Duell auch endlich Händchen halten (c) Leah Hochedlinger
Coach Katschi und Referee Ylvie Moschitz dürfen im leidenschaftlichen Duell auch endlich Händchen halten (c) Leah Hochedlinger

Das neue Queer

Der Hype um Lesben Wrestlen Arm ist bei Weitem nicht das einzige Anzeichen dafür, dass sich in der Wiener Lesbenszene gerade einiges tut. Lasst mich ein bisschen ausholen und meine persönlichen Beobachtungen als lesbische Clubratte schildern. Seit nunmehr einigen Jahren lässt sich das Überschwappen der Berliner Technokultur in die Wiener Kellerclubs kaum ignorieren. Gesättigte Technobeats pumpen spürbar durch große wie kleine Lokale, wer das nicht mag, kann kaum noch fortgehen, denn Techno ist der neue Status quo.

Ob das Genre jemals underground war, wird wahrscheinlich seit den 80ern diskutiert und ist mittlerweile der erste Faden eines faden Smalltalk-Netzes, in das du in der Raucherecke von einem Typen in Eurobaby-Shirt und Schnauzer gesponnen wirst. Die Technoszene hat ihre Wurzeln nicht zuletzt in queeren Subkulturen. Clubs waren und sind wichtige Zufluchtsorte für Minderheiten, Räume, in denen abseits gesellschaftlicher Normen gefeiert werden kann.

Und während Techno längst im Mainstream angekommen ist, tut sich auch in der queeren Wiener Partyszene einiges. Ein frischer Wind weht durch die ohnehin recht windigen Wiener Gassen, und er ist merklich queerer. Partykollektive wie Hypertrash, die sich als „loud, queer and annoying“ bezeichnen, oder Schere3000, die explizit für sapphische (nach der griechischen Poetin Sappho, hier als Sammelbegriff für lesbische und verwandte queere Identitäten verwendet) Clubevents einstehen, mischen den heimischen Eventkalender auf.

Nun ist LWA gar nicht als Partykollektiv angelegt, die Parallele ziehe ich trotzdem. Denn so erfreulich das wachsende Angebot an queeren Partys auch ist, lesbisches Community-Leben sollte nicht ausschließlich in dunklen Nächten stattfinden müssen. Dieser Stadt fehlen die Spaces für lesbisches Leben, das Marea Alta einer der wenigen Zufluchtsorte, das Last Little Haven ironischerweise existenzbedroht, und zudem ist nicht jede Lesbe eine Partymaus. Es gibt zu wenige Orte ohne Konsumzwang, sollen sie dann noch queer sein, fällt vieles weg.

Sogar ich als eingefleischtes Partygirl vermisse nicht den Dancefloor, wenn LWA stattfindet, und das sage ich nicht nur, weil ich mich mittels einer schamlosen Instagram-DM zur Trophy Femme gemausert habe und somit offiziell der stärksten Dyke* einen Pokal in ihre starken Arme drücken (und sogar ihren Bizeps angreifen) darf.

„Der Andrang hat bestätigt, wie wichtig es ist, in Wien explizit diese Sapphic Spaces zu kreieren und gezeigt, wie sehr sich Lesben danach sehnen, eigene Räume zu haben. LWA ist nicht nur queer, sondern explizit Lesbisch, denn Lesben sind auch in queeren Spaces unterrepräsentiert.” – Marlis Kuta, Gründer*in 

Greta, Marlis, Coach Katschi, Referee Sylvie und Trophy Girl Paulina beim LWA (c) Leah Hochedlinger
Das LWA-Team und ich als schamlos selbst eingeladenes Trophy Girl. (von l.n.r.: Greta, Marlis, Coach Katschi, Referee Ylvie, Paulina) (c) Leah Hochedlinger

Part of the dyke* club

LWA besteht mit Nachdruck auf der Verwendung des Wortes „Dyke*“. Der englische Begriff für Lesbe wurde historisch abwertend verwendet, die Community eignet ihn sich mittlerweile aber selbstbewusst wieder an. Bei LWA wird er bewusst weit gefasst und schließt auch Menschen ein, die sich nicht mit dem klassisch weiblich konnotierten Label „Lesbe“ identifizieren.

Auch das L-Wort kommt nicht zu kurz: Viele queere Menschen schrecken vor dem Wort Lesbe zurück. Es gilt als schmutzig, wird fetischisiert und im Deutschen auch als Beleidigung verwendet. Ein direktes Äquivalent zu „Dyke*“ gibt es hierzulande gar nicht, denn Lesbe reicht als Schimpfwort. Sichtbarkeit fängt eben schon bei der Sprache an.

Sprachbarrieren soll es bei LWA jedenfalls keine geben, deshalb finden die Events auf Englisch statt. Ansonsten ist das Team mit der Zielgruppe aber durchaus wählerisch: Willkommen sind alle, die sich als Dykes* identifizieren oder auf dem sapphischen Spektrum befinden. Wer sich nicht angesprochen fühlt, wird zwar nicht gleich an der Tür abgewiesen, darf sich aber schon einmal fragen, was er hier eigentlich verloren hat. Diese Eingrenzung ist wichtig, da queere Events oft von schwulen Cis-Männern geflutet werden, wenn kein explizites Branding stattfindet. LWA macht von Anfang an klar, für wen das Ganze gedacht ist. Inklusivität ist wichtig, aber gezielte Exklusivität auch. Sorry, Männer …

Als Cis-Frau und genderkonforme Femme-Lesbe ist LWA für mich in erster Linie ein Riesenspaß. Ich komme, um die Teilnehmer*innen anzuhimmeln, meine Freund*innen anzufeuern und mich zu amüsieren. Dabei ist mir bewusst, dass ein solcher Abend für viele Dykes* eine weit größere Bedeutung hat. Für Menschen, deren Geschlechtsidentität oder Ausdruck im Alltag aneckt, bedeutet er nicht nur Unterhaltung, sondern auch Sicherheit und Zugehörigkeit. Und ganz nebenbei wird eine Sportkultur aufgemischt, in der sonst vor allem Männer ihre Muskeln spielen lassen.

Wie geht es weiter für LWA?

„Hoffentlich steil bergauf. Die Nachfrage ist da. Wir haben Bock, weiterzuwachsen und eine Art lesbisches Community Networking Event zu sein, also ein Abend, wo sich Lesben kennenlernen und man sich wiedersieht.” – Marlis Kuta, Gründer*in

„Wir machen das ehrenamtlich und aus voller Überzeugung, einfach, weil wir uns mehr für Wien wünschen.” – Greta Springsfeld, Co-Gründer*in

Wien wird immer lesbischer. We love to see it.

Hier dürfen Lesben ihre Muskeln spielen lassen, stark sein, laut sein, flirten und Freund*innenschaften bilden. Am Ende gewinnt vielleicht nur eine den Pokal, aber gefeiert werden alle. Und wer wie ich weder mit Bizeps noch mit sportlichem Ehrgeiz glänzen kann, darf sich offenbar trotzdem als Trophy Femme bewerben. Frau muss schließlich ihre Stärken kennen.

Großer Jubel für Contestant Kate (Zweiter Platz) (c) Leah Hochedlinger
Großer Jubel für Contestant Kate (Zweiter Platz) (c) Leah Hochedlinger
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