Du bist gerade gestorben und findest dich plötzlich in einem Zug wieder, der dein gesamtes Leben vorbeiziehen lässt. Gibt es Momente, die du wieder erleben oder verändern möchtest? Zu welchem Menschen hat dich dein Leben gemacht? Würdest du es genauso wieder tun? Eine bewegende Geschichte über eine (vielleicht) mögliche zweite Chance.
Das Leben nach dem Tod ist immer so eine Sache. Auf der ganzen Welt gibt es unterschiedliche Sichtweisen auf diese unbekannte Zeit nach dem Sterben, aber sie alle haben etwas gemeinsam: ein Gefühl des Friedens. Ein Friede, im Sinne der Zufriedenheit. Diesem geht Matt Haig nach seinem Erfolg mit “Die Mitternachtsbibliothek” erneut nach und gestaltet eine neue Art des Jenseits – eine, die Hoffnung schafft.
Schau mal ganz genau hin (und ändere bitte nichts)
Der Protagonist Wilbur ist gestorben und hat die Möglichkeit, in einer Dampflokomotive, in seinem Fall einem Duke of Gloucester, seine eigene Geschichte noch einmal zu betrachten. Schon in seinen letzten Lebenstagen hat er viele Entscheidungen rückblickend bereut und sieht nun die Möglichkeit, etwas an ihnen zu ändern. Doch seine Begleitung im Zug, die alte Buchgeschäft-Inhaberin Agnes, untersagt ihm jegliches Eingreifen in die Geschichte, da sonst seine Ewigkeit auf dem Spiel steht.
Er versucht, sich nicht einzumischen, kann aber den Schmerz und die Reue nicht mehr aushalten. Wilbur entscheidet sich bewusst, sich selbst zu opfern, um sein vergangenes Ich zu retten. Eine turbulente Reise steht ihm nun zuvor, doch die Hoffnung, alles besser zu machen, stirbt zuletzt.
Wortgewandt bis ins Detail: Haigs Erzählstil
Matt Haig ist ein Detailliebhaber, der mit Sprachgewandtheit, Charme und beeindruckender Tiefe Leser*innen auf eine unglaubliche Reise mitnimmt. Man fühlt sich dem Geschehen so nahe und sieht sich förmlich neben dem Protagonisten Wilbur sitzen und alles hautnah miterleben. Er schafft eindrucksvolle Bilder, die man nicht schöner beschreiben könnte und seine Figuren tragen einen unfassbaren Tiefsinn mit sich. Deren Gedankenwelt und sprachlicher Ausdruck wirken so selbstverständlich, kommen einem ja gar bekannt vor, als wären sie eigene alte Bekanntschaften.
Die Liebe und die Gefühle sind berührend geschildert und auch seine Umschreibung und Begrifflichkeit der Trauer ist einzigartig und resultiert aus einem tiefen Verständnis daraus. Der Autor begeistert mich mit seiner Leichtigkeit, wie er komplexe Sachverhalte oder Situationen schildert. Selbst das Zusammentreffen drei verschiedener Versionen des Protagonisten Wilbur in mehreren Szenen, stellt für ihn kein Problem dar und wird mit Glanzleistung gelöst.
Wenn nicht nur die Dampflok rattert, sondern auch der eigene Kopf
Es fühlt sich teils schon zu real an, sodass ich beim Lesen die ganz feste Überzeugung hatte, dass so unser Jenseits aussieht. Eine Möglichkeit, nochmal aus dem Ganzen zu schöpfen, noch einmal alle Liebenden sehen und hören zu können, bevor die eigene Reise vorbei ist. Hoffnung und Sehnsucht treffen in diesem Buch aufeinander und lassen einen die eigenen wichtigen Momente tief nachempfinden.
Besonders der Abschiedsbrief von Wilburs (Ex-)Frau Maggie hat mich nicht nur zu Tränen gerührt, sondern mein Kitsch-Herz aufblühen lassen und meine Begeisterung für seine Worte nochmals verstärkt. Mit dieser Erzählung wird eine gewisse Angst, die tief in uns steckt, ausgelöst – aber im selben Atemzug auch wieder genommen.
Würde ich es nochmal lesen? Auf jeden Fall.
Diese spekulative Fiktion hat mich auf vielen Ebenen berührt. Es ist ein wundervolles Werk, das einen mitreißt, emotional mitnimmt und zutiefst beschäftigt. “Die Mitternachtsreise” wirkt wie eine thematische Fortsetzung seines Bestseller-Romans “Die Mitternachtsbibliothek” und enttäuscht nicht.
Für all jene, die sich dem Ende des Lebens thematisch annähern möchten und mit einer schönen Vorstellung wieder rausgehen möchten, für Erwachsene jeden Alters.
Matt Haig, “Die Mitternachtsreise”. € 25,50 / 336 Seiten. Droemer, München 2026