Die Inszenierung von Händels Hercules am Theater an der Wien versucht sich an neuen Narrativen und vergisst dabei den Feminismus.
Hercules von Georg Friedrich Händel ist aufgebaut als Oratorium (mehrteiliges Werk, welches als Konzert aufgeführt wird). Im Gegensatz zur Oper gibt es weniger dramatische Kostüme und dafür mehr Zusammenspiel von Chor, Orchester und Solist*innen. Jedoch fehlt es Hercules an biblischen Inhalten – die sonst typisch für das Oratorium sind.
Händel selbst bezeichnete sein Stück deshalb schon damals als musical drama. Heute versteht man Hercules als englische Oper. Wie auch immer man es jetzt formal nennen möchte, Hercules handelt inhaltlich von vor allem einem: der großen Eifersucht.
Eifersucht als Todesurteil
Aber nochmal zurück zum Anfang: König Hercules kehrt aus dem Krieg nach Trachis zurück. Prinzessin Iole ist auch am Start. Jedoch nicht freiwillig, sondern als entführte Kriegsgefangene. Die Königin Dejanira interpretiert die Situation als Seitensprung ihres Mannes. Hercules streitet das ab, doch Königin Dejanira will ihm nicht glauben. Die Eifersucht steigert sich im Verlauf des Stücks und wird am Ende so groß, dass sie ihren eigenen Mann – mit einem vergifteten Gewand – tötet.
Die Figur Hercules stammt aus der griechischen Mythologie. Das Libretto, der Text des Stückes, kommt dementsprechend nicht direkt von Händel. Was jedoch von Händel geschrieben wurde, ist der musikalische Rahmen der Geschichte. In Form von drei zentralen Bausteinen erzählt er damit die große Geschichte der Eifersucht: Orchester, Solist*innen und Chor.
Chor als Highlight
Das Orchester beginnt das Stück mit angenehmen, zarten und fröhlichen Klängen. Prägnant für Barockmusik ist dabei immer das Cembalo, das wie eine hallende Gitarre klingt und zur Ära gepuderter Perücken und den prunkvollen Räumen Versailles gezählt werden kann. Das Orchester ist die Konstante. Es verbindet alle Bausteine und legt den Klangteppich für Chor und Solist*innen.
Avery Amereau verkörpert die hoch eifersüchtige Königin Dejanira. Edwin Crossley-Mercer performt einen soliden Hercules und Iole wird mit unglaublicher Zärtlichkeit von Thaïs Raï-Westphal präsentiert.
Das Highlight ist jedoch definitiv der Chor. Während sich die Solist*innen (teils zu lange) in ihren eigenen Gefühlen wälzen und verlieren, liefert der Chor eine Art Meta-Ebene der Geschichte. Er kommentiert die Geschichte von außen, verstärkt die Stimmungen, fasst zusammen und holt dadurch die Gedanken des Publikums mit auf die Bühne.
Konzept als Lowlight
Bei Händel endet das Stück musikalisch eigentlich mit einem feierlichen Chor, der Frieden und Freiheit anpreist, nachdem Hercules – wir erinnern uns – dramatisch von seiner eigenen Frau getötet wurde. David Stern entscheidet sich in seiner Interpretation bewusst dagegen und wählt stattdessen einen Trauerchor, der die Dramatik der Eifersucht und die furchtbaren Folgen dessen nochmal aufzeigen soll. Auch wird Hercules bewusst nicht als Frauenheld, sondern als demutsvoller Kriegsheld inszeniert.
Die Frage nach der Aktualität von alter Kunst ist eine komplizierte. Händels Stück war für seine Zeit, durch den Fokus auf die Figuren und deren Innenleben, sehr modern. Dass Händel als Barockkomponist keine feministischen Stücke schreiben konnte, ist uns allen klar.
Jedoch könnte man sich bei einer Interpretation im 21. Jahrhundert die Frage stellen, ob das Anpassen des Chors am Ende und eine Anti-Frauenheld-Figur wirklich zentrale Elemente sein können, um eine aktuellere Idee ins Stück zu bringen. Die Frauenfiguren führen drei Stunden Zickenkrieg um einen Mann. Die Eifersucht ist hier ausschließlich ein weibliches Problem.
Eine feministischere Vision wäre gewesen, anstelle des Trauerchors eine Versöhnung von Dejanira und Iole zu besingen. Man darf ja wohl noch utopisch denken. Oder?