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Mit Rotz und Wasser die letzten Tage eines Menschen begleiten ** Wenn die Kraniche nach Süden ziehen – Lisa Ridzén

Veröffentlicht 29. Sep., 2026

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Wo soll ich nur anfangen: Ich habe mich geärgert, gefreut und geheult. Ein Gefühlsbad, das nicht nur Menschen erleben, die kurz vor dem eigenen Tod stehen – sondern auch alle, die diese Menschen begleiten. 

Mit drastischen Entscheidungen, unangenehmer Reue, dem Willen, noch die Kurve zu kratzen und dem Nachtrauern um die große Liebe berührt diese Geschichte und brennt sich ganz fest ins eigene Gehirn ein als wäre es eine eigene gelebte Erinnerung.

Knapp ein halbes Jahr, das sich viel länger anfühlt

Der 89-jährige Bo lebt mit seinem Hund Sixten in einem alten Haus im Norden Schwedens. Umgeben von Wäldern verbringt er dort seine letzten Lebenstage, begleitet vom Pflegedienst und Besuchen seines Sohns Hans, seiner Enkelin Ellinor und anderen Bekanntschaften aus dem kleinen Ort. Seine Frau muss aufgrund ihrer schweren Demenzerkrankung in einem Pflegeheim leben, was Bo dazu bewegt, die Geschichte aus seiner Perspektive seiner Frau zu erzählen. Mit authentischen Worten und grummeliger Grundstimmung des alten Herrn, schildert die Autorin die verschiedenen Themen, die einen zu Lebzeiten noch beschäftigen können. 

Die ständige Überlegung, wie er seinem Sohn Wertschätzung und Liebe äußern kann, obwohl er ihn in seiner Autonomie beraubt. Wie man sein Leben so eigenständig wie möglich leben kann, auch wenn einem ständig gesagt wird, wie gefährlich es ist, auch nur irgendetwas alleine zu machen. All das beschäftigt auch uns Leser*innen. Dazu kommt auch der Schmerz, den er fühlt, wenn seine eigene Frau, die Liebe seines Lebens, ihn nur mehr als fremden Mann sieht. Erinnerungen die gehen, aber auch alte, die wieder kommen, wie auch die objektiven Kurzberichte der Pflegekräfte, was am heutigen Tag passiert ist, kreieren eine wunderschöne Leseerfahrung, mit der man tief in das Leben von Bo eintauchen kann.

Die letzten Tage 

Je weiter man im Buch vorankommt, desto mehr kommen alte Erinnerungen des Protagonisten auf. Er erzählt von der Distanz, Brutalität und Verachtung seines Vaters, den er nur als “den Alten” bezeichnet und zugleich von seiner liebenden Mutter, die seine Kindheit noch in gewisser Weise retten konnte. Der Konflikt mit seinem Sohn Hans, der ihn auch noch seinen geliebten Hund wegnimmt, ist der Moment, wo alles für ihn zerbricht – wo auch er seinen letzten Lebenswillen verliert. Hier setzt der Prozess seines Ablebens an. Mit so viel Emotionalität, prägnanten Situationen, nachvollziehbaren inneren Konflikten und auch der sichtbar schwindenden Kraft des Protagonisten, ist man als Leser*in ständig in Versuchung, ihn vor weiteren Schmerzen zu bewahren. Man fühlt stark mit und ist mit jeder Zelle seines Körpers in das Geschehen involviert.

Es ist für mich immer noch so erstaunlich, wie eine junge, weibliche Autorin das Innenleben eines alten Mannes so alltagsnah und realistisch darstellen kann. Die Autorin hat für ihren Roman die Mitschriften des Pflegeteams, das ihren Großvater betreut hatte, als Grundlage verwendet und erforscht zudem Männlichkeitsnormen in den ländlichen Gemeinden im Norden Schwedens. Das allein erklärt jedoch nicht, wie sie diese beeindruckende Lebensdarstellung schafft. Vor allem ihre persönliche Nähe zum Thema, ihr literarisches Gespür und ihre Fähigkeit, Beobachtungen so adäquat darzustellen, sind ausschlaggebend und beeindruckend für ihren Schreibstil.

Warum dieses Buch wehtut – und guttut

Dieses Buch hat mich fertig gemacht. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal so geschluchzt und so viele Taschentücher vernichtet habe. Die Autorin schafft es mit beeindruckender Authentizität und Nachvollziehbarkeit die Sprache, die Gefühle, die Werte und Normen, sowie die Gedankenwelt des alten Mannes Bo wiederzugeben. Diese grantig wirkende Persönlichkeit, die dennoch so viel Verletzlichkeit und Reue in sich zulässt, auch wenn diese nicht ausgesprochen wird, wächst einem mit jeder Seite immer mehr ans Herz. Anfangs als lediglich ungut angenommen, öffnet sich eine neue Sichtweise auf einen Menschen, der seine letzten Lebenstage mit so vielen unangenehmen Themen verbringen muss. 

Die Frage, wie sich der eigene Tod anfühlen wird, wie es sein muss, plötzlich alleine zu sein, seinen besten Freund zu verlieren und auch seinen treuen Begleiter – seinen Hund – von heute auf morgen nicht mehr neben sich spüren zu dürfen. Die Sehnsucht nach der eigenen Mutter und seiner liebenden Frau, die Wut auf den Autonomie raubenden Sohn und die für ihn schmerzhafte Symptomatik seiner großen Frau, berührt zutiefst. Seine finalen Tage auf der Erde haben viele Erinnerungen in mir hervorgebracht und mich mitfühlen und tatsächlich auch mitleiden lassen. Als wäre Bo mein eigener Verwandter gewesen – jemanden, den ich ein Leben lang geschätzt habe. So hat sich sein Ableben auch für mich angefühlt. 

Es ist eine wunderschöne Geschichte, die einem eine wertvolle und wichtige Sichtweise eröffnet, wie man älteren Menschen begegnen kann und auch soll. Obwohl es uns klar sein sollte, wie viel ältere Personen schon erlebt haben und uns mitgeben können, ist es nochmals ein wertschätzender Reminder daran, dass auch wir selbst einmal in dieser Situation sein werden und dann auch mit voller Menschlichkeit, Wertschätzung und Respekt behandelt werden möchten. Ein großartiges Werk, das jeder mal gelesen haben sollte.

Lisa Ridzén, “Wenn die Kraniche nach Süden ziehen”. € 25,50 / 384 Seiten. btb, München 2026

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