Was brauchen wir eigentlich in unserem Leben, um es als lebenswert und glücklich wahrzunehmen? Was passiert, wenn uns der Sinn des Lebens geraubt wird und wir mit einem zerstörten Lebenstraum, einem Todesurteil und einer komplexen Lebensentscheidung konfrontiert werden?
Der Autor Robert Menasse schildert in seinem Roman “Die Lebensentscheidung” eindrücklich, wie diese Fragen rund um das Leben und die Verzweiflung aussehen können. Und wie man von einer Abgestumpftheit zu einer ehrlichen Liebe zurückfindet.
Ein Überlebenskampf der Prinzipienlosen. Worum geht’s?
Franz Fiala ist gebürtiger Wiener und seit langer Zeit als Referent in der Europäischen Kommission in Brüssel tätig. Als studierter Jurist war es immer sein Ziel, etwas zu bewirken und besonders im Bereich Umwelt etwas zu verändern. Leider muss er nach jahrelanger Arbeit anerkennen, dass der Profit für die EU wichtiger ist als beispielsweise unsere Umwelt und sie lieber weiterhin auf Illusionen setzt. Franz kann all das nicht mehr mittragen und hat seine Entscheidung getroffen: Er wird die Kommission und Brüssel verlassen.
Mit großer Abgestumpftheit und Sachlichkeit wird von Franz‘ Erleben erzählt. Lediglich die Enttäuschung, die sich mehr als Wut äußert, ist stark spürbar. Diese anfängliche Euphorie und sein Optimismus für seine Arbeitsziele sind gut wahrnehmbar und man fühlt seinen tiefen Schmerz und seine Frustration durch die geschriebenen Zeilen umso stärker, als er vom Zerfall der europäischen Ideale erzählt.
Was würdest du tun?
Seine Mutter ist bereits 89 Jahre alt und kann ihre Altersanzeichen und Beschwerden im Alltag kaum mehr verstecken. Sie hat immer mehr geistige Aussetzer, die auf eine Demenz hinweisen, hält starke Gefühlsschwankungen aus und scheint sich mehr und mehr Dinge einzureden, die so nicht stattgefunden haben. Lieber möchte sie daran glauben, dass Franz als Wunderkind die EU-Präsidentin berät, als dass er nun einfach nur im Ruhestand ist – denn manchmal tut eine tröstliche Lüge ganz gut. Ab hier beginnt die sentimentale Veränderung des Protagonisten, denn der nicht mehr allzu weit entfernte Tod der Mutter lässt ihn viele Lebensentscheidungen hinterfragen.
In kleinen Momenten, wie dem Vorlesen von Schillers Gedichten, spürt man seine tiefe Verbundenheit und Liebe zu jener Frau, die nie aufgehört hat, an ihn zu glauben. Doch als Franz über starke Schmerzen klagt und ins Krankenhaus eingeliefert wird, steht der nächste Schock bereit: Bauchspeicheldrüsenkrebs. Überlebenschancen gibt es keine, nur (womöglich) lebensverlängernde Optionen. Franz ist klar, dass er seine alte Mutter nicht mit dem künftigen Tod ihres eigenen Sohnes konfrontieren kann und beschließt auf rührende und zugleich selbstleugnerische Weise, seine Lebensentscheidung zu ändern: Er möchte seine Mutter überleben.
Wenn die Lebensentscheidung (nicht) eintrifft
Franz Fiala ist bemüht und kämpft sich immer wieder ins Leben zurück. Trotz Operationen, starken Schmerzen und vielen Einschränkungen ist das Überleben seiner Mutter sein größter Antrieb, denn sie soll ihren eigenen Sohn nicht beerdigen müssen. Seine Mutter wird in der Geschichte zwar als schwächere Frau geschildert, doch ihre unfassbare Stärke, wie sie Franz’ Lügen durchschaut (da er seinen Gesundheitszustand vor ihr verheimlicht) und dennoch für ihn bis zum Schluss da ist, ist einfach unfassbar rührend und liebevoll.
Er versucht alles, doch erlebt seine letzten Atemzüge in den Armen seiner Mutter, die ihm in dieser grauenvollen Situation, wo er sich vor Schmerzen nur so windet und sein Leben an ihm vorbeizieht, fürsorglich zuwendet und alles dafür gibt, dass er gehen kann.
Mehr als eine Abrechnung mit der EU
Eine unglaubliche Geschichte, die eigene Lebensentscheidungen und Lebensfragen nochmal ganz stark in den Vordergrund rückt. Die Erzählung ist anfangs stark von der Kritik an der EU geprägt, besonders wie deren Inkompetenz und lügnerisches Handeln Franz’ Lebenskonzept über Bord wirft. Zu Beginn fühlt sich alles sehr schwarzgefärbt, abgestumpft und miesepetrig an, doch mit dem schlechten Zustand der Mutter und der eigenen Erkrankung dürfen wir Franz mehr von seiner willensstarken Art kennenlernen, die mit Liebe, Zuversicht und Stärke gefärbt ist.
Durch biografische Rückblicke, emotionale Schilderungen und den tollen Einsatz von Detailliebe und bildlichen Darstellungen, kommt mehr Lebendigkeit in die Geschichte. Der Wille und der Optimismus, die er anfangs in seiner Zeit in der Kommission als Referent einsetzte, durften nun am Ende ein berührendes und viel wichtigeres Projekt führen – die der wahrhaftigen Liebe.
Robert Menasse, “Die Lebensentscheidung”. € 23,50 / 158 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2026