Die Volksoper Wien holt Giacomo Puccinis Oper „La Bohème“ in einer Wiederaufnahme zurück auf die Bühne und serviert eine klassische Liebesgeschichte mit großen Gefühlen, einem ordentlichen Mood-Switch nach der Pause und starken Stimmen.
Amour & amore
Paris, irgendwann im 19. Jahrhundert. Vier junge Künstler teilen sich eine Wohnung, haben große Träume, aber leider kaum Geld, um diese zu erfüllen. Tja, war halt schon immer schwer in der Kulturszene. Einer von ihnen ist der Dichter Rodolfo, der eines Abends seine Nachbarin Mimì kennenlernt. Und wie es sich für eine richtige Oper gehört, dauert es ungefähr zweieinhalb Sekunden, bis die beiden Hals über Kopf ineinander verliebt sind.
Ähnlich voreilig wie ich, wenn ich mir beim bloßen Anblick eines Tinderprofils schon ausmale, welchen Anzug ich bei unserer Hochzeit tragen werde und wie ich mit meinem Angebeteten und unseren zwei Kindern zum Altar schreite, schmieden auch die beiden Protagonist*innen ziemlich schnell gemeinsame Zukunftspläne. Dass Mimì schwer krank ist, trübt die Stimmung (vorerst) nicht wirklich.
Obwohl die Geschichte von Puccini in Paris spielt, wird, ganz klassisch, auf Italienisch gesungen. Auch die Inszenierung an der Volksoper Wien ist traditionell gehalten – und übrigens nicht wirklich neu: Harry Kupfers Version von „La bohème“ wurde hier schon 1984 aufgeführt und ist nun in einer Neueinstudierung wieder zu sehen. Wer eine besonders moderne Interpretation erwartet, wird hier also eher nicht fündig. Dafür bekommt man eine klassische Oper, wie man sie sich vorstellt, die sich ganz auf Puccinis Musik, ihre Figuren und die Geschichte konzentriert. Was, wie ich finde, auch mal nett ist.

Paris in Feierlaune
Gerade die erste Hälfte macht richtig Spaß. Die Stimmung ist ausgelassen, die Musik lebendig und schwungvoll und die große Ensembleszene vor dem Café Momus ein richtiges Spektakel. Lauter wahnsinnig talentierte Opernsänger*innen füllen die Bühne, Kinder wuseln herum und egal, wo man hinschaut: überall passiert irgendetwas.
Besonders viel Spaß macht hier Chelsea Guo als Musetta, die sich mit einer großen Portion Selbstbewusstsein und Attitude durch die Szene bewegt. Stimmlich überzeugt sie sowieso, aber auch schauspielerisch sorgt sie für einige Lacher. Wenn sie sich dann noch ziemlich waghalsig über eine erhöhte Bühnenkonstruktion schwingt, schaut man fast ein bisschen nervös zu – aber kein Grund zur Sorge, sie hat alles im Griff. Man hat irgendwie das Gefühl, ihr gehört die Welt and we are just living in it. Queen shit.
Auch Hedwig Ritter überzeugt als Mimì mit ihrer starken, gefühlvollen Stimme. Gemeinsam mit JunHo You als Rodolfo schafft sie es, dass man den beiden ihr Happy End wirklich von Herzen wünscht.
The Party is over
Nach der Pause folgt dann allerdings ein ziemlicher Mood-Switch. Die gute Stimmung ist ganz offensichtlich weg, die Bühne wird dunkler und um einiges leerer – Mimìs Krankheit rückt in den Mittelpunkt. Aus der anfänglich so unbeschwerten Liebesgeschichte wird eine ziemlich traurige Angelegenheit, die schließlich (Spoiler alert!) mit Mimìs Tod endet. Komponist Puccini lässt einen also erst ausgiebig in Liebesgefühlen schwelgen, nur um einem danach das Herz zu brechen. Wow, danke.
Das Bühnenbild von Reinhart Zimmermann funktioniert in beiden Stimmungen gut. Besonders cool sind die beweglichen Dach- und Bühnenelemente, durch die aus der kleinen Künstlerwohnung plötzlich ein belebter Pariser Schauplatz wird. Die Umbauten selbst haben mich allerdings etwas verwundert. Ohne Musik oder sonstige Ablenkung werden mehrmals Requisiten und Bühnenteile für das Publikum gut sichtbar von Mitarbeitenden der Volksoper verschoben. Das stört zwar nicht arg, fühlt sich aber im ersten Moment ein bisschen so an, als hätte man versehentlich einen Blick hinter die Kulissen erwischt, obwohl man sich gar nicht sicher ist, ob das gerade so gedacht war.

Applaus zur Halbzeit
Für einen weiteren kleinen Überraschungsmoment sorgt der erste Applaus schon vor der Pause. Da verbeugt sich nämlich schon das gesamte Ensemble und man könnte kurz denken, der Abend wäre bereits vorbei. Tatsächlich verabschieden sich damit wohl vor allem jene Mitwirkenden, die im zweiten Akt nicht mehr vorkommen. Das eingefleischte Opernpublikum weiß natürlich, dass es ein bisschen zu schön wäre, mit dem durchaus freudigen Ende des ersten Aktes aufzuhören. Als Newbie gilt: Einfach am Rest des Saales orientieren.
Insgesamt ist „La bohème“ an der Volksoper ein schöner, kurzweiliger Opernabend mit starken Sänger*innen, einer lebendigen ersten Hälfte und ordentlich Herzschmerz danach. In dieser Inszenierung darf die Oper einfach die klassische Oper sein, die man erwartet. Was aber auch voll so passt.