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Die japanische Schreivase – Gudrun Nikodem-Eichenhardt

Veröffentlicht 16. Sep., 2026

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Die Hälfte der Kernölamazonen legt jetzt ihr erstes Kabarettsolo vor.

„Eine Schreivase ist ein spezieller, schalldämpfender Plastik- oder Silikonkrug aus Japan, mit dem man Frust, Wut oder laute Gesangsübungen heraus schreien kann, ohne andere Menschen zu stören“, ist auf Wikipedia nachzulesen. Und genau so ein Ding steht den ganzen Abend lang auf dem Tisch neben Gudrun Nikodem-Eichenhardt. Zwischendurch nimmt sie es in die Hand und benutzt es, um – na, was wohl? Genau: Sie schreit hinein. Weil es so vieles gibt, das ihr den Nerv zieht und sie ärgert. Und Schreien hilft. Manchmal. Zumindest befreit es.

Der Satiremotor braucht ein bisschen, bis er richtig röhrt

Willkommen in der Welt der steirischen Eichin (Selbstbezeichnung der Künstlerin), die nach zwei Jahrzehnten Kernölamazonen-Duo nun, im Alter von 46 Jahren, ihr erstes Kabarettsolo auf die Bühne bringt. Keine Sorge, mit Caroline Athanasiadis ist alles fein. Die sitzt fröhlich im Publikum und schaut ihrer Duopartnerin dabei zu, wie sie diesmal alleine über die Bühne wirbelt. Und wie der Spross einer weststeirischen Lehrer*innendynastie den Drang auslebt, sich vor in Reihen sitzenden Menschen hinzustellen und ihnen etwas zu erklären. 

Zunächst wird man allerdings noch nicht ganz schlau daraus, worauf dieser Abend hinauslaufen soll. Und anfangs scheint die zweite Hälfte der Kernölamazonen fast ein bisschen zu fehlen, die einen Kopf kleinere Wienerin mit griechischen Wurzeln, die der Steirerin sonst in einem fein austarierten System die verbalen Bälle zuwirft und sie auch wieder zurück in die Spur bringt. So aber steht Gudrun Nikodem-Eichenhardt alleine auf der Bühne und lässt ihr Publikum erst einmal aufstehen zum gemeinsamen „Kumbaya“-Singen – um es gleich wieder auf den Platz zu schicken. Weil: War nur ein Witz. Oder sie bittet um Fragen, die sie dann allerdings selbst stellen muss, weil keine kommen. Die erste Viertelstunde ist ein bisschen zäh. Es braucht ein bisschen, bis der Satiremotor warmgelaufen ist. Als er dann aber in Fahrt kommt, da brummt er nicht nur, sondern da röhrt er richtig. 

Gudrun Nikodem-Eichenhardt © Monika Fellner
Gudrun Nikodem-Eichenhardt © Monika Fellner

Weststeiermark – Wechselgebirge – Wien 

Am besten ist sie, wenn sie singt und tanzt. Da brilliert sie, da ist sie in ihrem Element, da gibt sie ihrem Publikum das, was es an ihr liebt. Doch es dauert eine Weile, bis es soweit ist. Zunächst schildert die erwachsene Gudrun, wie die kleine Gudrun in der Weststeiermark aufgewachsen ist. Sie erzählt, wie die dann schon große Gudrun sich von dort über das Wechselgebirge bis nach Wien durchgeschlagen hat, um am Konservatorium zu studieren. Damit setzt die erfahrene Kabarettistin auf ein bewährtes Konzept für Solodebütant*innen: Erzähle deine Lebensgeschichte und mach das Publikum mit dir vertraut. Das kennt sie zwar nach zwei Jahrzehnten Kernölamazonen eh schon ganz gut. Aber diese Lebensdetails hatten vermutlich in den bisherigen Programmen nicht genug Raum. Und so lernen wir an diesem Abend ein neues Stück Gudrun Nikodem-Eichenhardt kennen, im bekannten Mix aus Erzählungen und Liedern. Dem Premierenpublikum gefällt’s, zumal sie nun endgültig auf Betriebstemperatur ist.

Natürlich gehört zu so einer Lebensgeschichte auch der erste richtige Freund samt der ersten Übersiedlung – mit allen Nebenwirkungen, wenn man 34 Umzugskartons nicht beschriftet. Spätestens da wird klar, warum die titelgebende Schreivase auf dem Tisch steht. Die wird jetzt öfter in die Hand genommen. Insgesamt ist die Autobiografie allerdings ein bisschen dünn als Tragwerk für die erste Hälfte des Abends, da vermisst man ein bisschen mehr Sübstanz. Aber nicht lange, denn: 

Die zweite Hälfte ist dichter und intensiver

Den Doppelnamen hat Gudrun Nikodem-Eichenhardt übrigens nicht vom Ex-Mann, sondern von Geburt an. Womit wir im zweiten Teil des Abends gelandet wären, der sich zunächst um ihre aktuelle Patchwork-Familie dreht. Für die braucht sie erst recht die Schreivase, ehe sie Parallelen zu einer Besteigung des Mount Everest zieht. Hier ist der Applaus besonders intensiv. Zugleich wird es ernst, weil sie durch die Hintertür das Thema psychische Probleme und Traumatherapie aufs Tapet bringt – freilich nicht, ohne die Stimmung dann wieder durch ein Lied aufzulockern. 

Ein paar Minuten später nimmt sie dann den Antifeminismus der steirischen Landesregierung aufs Korn (Stichwort: Gender-Verbot) und fragt sich: 

Wenn Gesetze explizit nur in der männlichen Form verfasst sind, dürfen Frauen sie dann ignorieren? 

Insgesamt packt sie mehr verschiedene Themen in diese zweite Hälfte, die dichter und intensiver ist und auch mehr Substanz hat. Einiges davon hätte sie ruhig schon in der ersten Hälfte bringen können. Andererseits schafft sie auf diese Art eine stetige Steigerung des Abends bis zum großen Finale. Abgesehen davon hat sie im Kabarett aber ohnehin leichtes Spiel im Vergleich zu ihrem Engagement im Märchensommer Poysbrunn, das sie abgehärtet hat. Weil: „Kindertheater ist nix für Lulus.“ Dafür kann man Kindern noch was auf den Lebensweg mitgeben. Vielleicht ja den Erwachsenen im Kabarett auch?

Mehr Info und Termine gibt es hier.

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