Die Räubertochter Ronja singt jetzt auch. Die Volksoper macht aus Astrid Lindgrens Kinderbuchklassiker ein Familienstück mit Musik, das in einen düsteren Wald entführt und Lust auf Abenteuer macht. Nichts für Angsthasen, aber ziemlich sicher was für kleine Nachwuchsräuber*innen.
Als erste Premiere der neuen Saison und zugleich einer Uraufführung (!) bringt die Wiener Volksoper mit “Ronja Räubertochter” eine Geschichte von Astrid Lindgren auf die Bühne, die manche vielleicht in nostalgischen Kindheitserinnerungen schwelgen lässt.
Für alle, deren Wissen über das Leben als Räuber*in inzwischen ein bisschen eingerostet ist, hier die Eckpunkte im Schnelldurchlauf: Ronja ist die Tochter des Räuberhauptmanns Mattis und wächst in einer verlassenen Burg inmitten eines Waldes auf. Blöd nur, dass sich die verfeindete Borka-Räuberbande genau in die andere Hälfte dieses Unterschlupfes einnistet. Konfliktpotential ist also schon mal vorprogrammiert. Was die ganze Situation jetzt auch nicht unbedingt entspannt: Ronja freundet sich ausgerechnet mit Birk, dem Sohn des Erzfeindes, an und entdeckt mit ihm den Wald und seine Gefahren. Dass das zwei Räuberhäuptlinge mit ziemlich toxischer Alpha-Male-Energy nicht wirklich begeistert, wird man sich vorstellen können.
Das Bühnenbild von Monika Rovan entführt einen eindrucksvoll in diese ziemlich düstere Welt. Zwei große weiße Flächen laufen im Hintergrund wie ein aufgeklapptes Buch zusammen und fungieren als Leinwand, auf der Schattenspiele und Lichtprojektionen abgespielt werden. Egal ob romantische Waldlichtungen, dunkle Bärenhöhlen oder die abgelegene Burg – ohne großartige Requisiten oder aufwendige LED-Animationen hat man wirklich durchgängig das Gefühl, mit Ronja und Birk gemeinsam die Welt zu erkunden und in Lindgrens Buch (quite literally) hinein zu spazieren.

Nichts für schwache Nerven
Auch im Originalstoff ist dieser Spaziergang allerdings alles andere als ungefährlich, denn im Mattiswald lauern Gnome, wilde Tiere und allerlei Gestalten, die selbst ich in dieser Bühnenversion teilweise angsteinflößend fand. Gerade bei einer Familienmatinee war es deshalb spannend zu beobachten, wie die (wirklich zahlreichen) Kinder um mich herum auf diese albtraum-artigen Szenen reagierten. Die Auswertung meiner kleinen Feldstudie: Sobald sich das Licht dimmt und die Musik langsam ankündigt, dass es jetzt ungemütlich wird, senkt sich bei vielen Kindern der Blick. Gesichter wurden in den Pulloverärmel der Eltern vergraben, Augen vorsichtshalber verdeckt oder auch mal die Ohren zugehalten.
Trotzdem dürfte bei den meisten Kids die Neugier überwogen haben, wie es mit den Abenteuern der ziemlich coolen Ronja weiter geht – weinend aus dem Saal gehen sehen habe ich jedenfalls nur ein Kind. Grundsätzlich wird das Stück für ein Publikum ab sechs Jahren empfohlen, that being said: Mit besonders schreckhaften Kindern würde ich mir einen Besuch im Räuberwald trotzdem zweimal überlegen, denn stellenweise wird es doch ziemlich dunkel und potentiell furchteinflößend.
Was ich diesbezüglich aber ziemlich clever fand, war, dass ein Teil des Theaterzaubers ganz bewusst offengelegt wurde. Beatboxer und Live-Geräuschemacher Georg Haselböck sitzt während des gesamten Stücks seitlich auf der Bühne und erzeugt Soundeffekte, Schrittgeräusche und Tierlaute live. Dadurch wird die abenteuerliche Handlung nicht nur akustisch untermalt, sondern den jungen Theaterbesucher*innen gleichzeitig gezeigt: „Schau Schatzi, das gruselige Geräusch kommt gar nicht von irgendeinem Monster, sondern von dem Typen dort drüben.“ Egal, ob das bewusst als kleiner Reality-Check zur Angst-Prävention gedacht war oder nicht – ich fand’s toll.

Ronja: Das Musical?
Hannah Severin schafft es in der Titelrolle sehr gut, als Erwachsene ein Kind zu spielen, ohne dass es aufgesetzt oder cringy wirkt. Gerade diese kindliche Wildheit auf die Bühne zu bringen, ohne dabei ins Übertriebene abzurutschen, stelle ich mir gar nicht so einfach vor. Auch Eike Onyambu, der hier den Birk verkörpert und mit diesem Stück sein Volksopern-Debüt feiert, überzeugt total. Als „comedic relief“ – also jene Rolle, auf deren Kosten die meisten Witze gehen – fungiert Juergen Maurer als Mattis. Gerade weil der Fernsehschauspieler nicht unbedingt für seine fehlerfreie Gesangsstimme bekannt ist, funktioniert diese Rollenbesetzung gut. Ein Räuberhäuptling muss meiner Meinung nach auch nicht nach einer abgeschlossenen Musicalausbildung klingen. Diese ungeschliffene „Roughness“ steht dem Charakter.
Kyrre Kvams eigens für diese Version komponierte Musik trägt sowohl die ruhigen als auch die großen emotionalen Momente und liefert einige Melodien, die auch nach dem Schlussapplaus noch im Ohr bleiben. Als großer Fan von catchy Musical-Nummern habe ich da an sich nichts dagegen. Für einen Charakter wie Ronja, hätte ich mir aber ein paar wildere Arrangements gewünscht. Beispielsweise durch einen rockigen, kindlich-frechen Song, in dem die Räubertochter kreischend durch den Wald tanzt…oder so. Die nötige Energie und Stimme dafür bringt Hannah Severin jedenfalls mit.
In Summe funktioniert „Ronja Räubertochter“ aber trotzdem gut. Regisseurin Ruth Brauer-Kvam ist es mit dieser Inszenierung definitiv gelungen, Astrid Lindgrens zentrale Botschaft in die Gegenwart mitzunehmen. Freundschaften und Zusammenhalt sind wichtig, genau wie der Mut, alte Feindschaften nicht einfach weiterzuführen, nur weil die Generation davor das eben so gemacht hat. Leider ziemlich zeitlos und vermutlich genau deshalb eine Message, die man Kindern – und so manchen Erwachsenen – gar nicht oft genug mitgeben kann.