Das beeindruckende neue Soloprogramm der mehrfach preisgekrönten Kabarettistin ist so persönlich, wie es nur geht.
„Stark“ ist der Titel von Sonja Pikarts neuem Soloprogramm. Und stark ist das Soloprogramm auch selbst, obwohl es sich eigentlich um Schwäche dreht. In gewisser Weise stellt es alle ihre bisherigen Programme in den Schatten, für die sie unter anderem mit dem Passauer Scharfrichterbeil, dem Klagenfurter Kleinkunstpreis „Herkules“, dem Burgenländischen Kabarettpreis, dem Salzburger Stier und sogar mehrfach beim Österreichischen Kabarettpreis ausgezeichnet wurde.
Mit scharfer Zunge schlägt sie zunächst wieder einmal Brücken zwischen Alltagssituationen und Gesellschaftskritik, zwischen Paarbeziehungen und Weltpolitik. Die in Deutschland geborene Wahlwienerin schafft es erneut, große Themen ins Kleine zu holen, weil sie sich, derart handlich gemacht, leichter bearbeiten lassen.
Starke Bilder, starke Gedanken
Ob nun eine Ente im Hinterhof eine Hausgemeinschaft auf WhatsApp eskalieren lässt, ein Extremsportler sie selbst zu einem Klimmzug inspiriert oder ein Urologe über Krankenversicherungsleistungen für Teilzeit-Arbeitende schwadroniert: Stets steckt wesentlich mehr dahinter als die bloße Geschichte, die Sonja Pikart dabei erzählt. Sie schlüpft laufend in verschiedene Bühnenfiguren, die miteinander interagieren. Und irgendwann kommt der Punkt, an dem all diese losen Fäden zu einem wahren Wandteppich verknüpft werden, der unsere Gesellschaft abbildet und uns den Spiegel vorhält.
Es sind starke Bilder, die Sonja Pikart zeichnet. Und starke Gedanken, die sie ausspricht. Zum Beispiel, wenn sie tradierte Rollenbilder hinterfragt. So zerpflückt sie die Studie, laut der die meisten Frauen allein im Wald lieber einem Bären als einem Mann begegnen würden: Wer sagt denn überhaupt, dass die Frau allein im Wald unterwegs ist? Was ist mit der menschlichen Solidarität? Warum übersieht man die vielen anderen Leute, die ebenfalls rundherum im Wald sind?
Eine persönliche Katastrophe
Das war die erste Hälfte des Abends.
Die zweite Hälfte wird dann richtig stark. Da wird es so persönlich, wie es nur geht. Denn Sonja Pikart spricht gleich nach der Pause einen Schicksalsschlag an, der sie und ihr Publikum den Rest des Abends beschäftigen wird.
Und plötzlich ergibt alles Sinn: die verschiedenen Geschichten aus der ersten Hälfte; die vielen Anspielungen; das Plakatsujet zum Programm mit der Künstlerin, die eine Actionfigur von sich selbst auf dem Rücken trägt. War die Grundhaltung vor der Pause eher zynisch und feministisch empört, dominiert danach verletzliche Offenheit. Sonja Pikart nimmt uns alle mit in ihre aufgewühlte Gefühlswelt, die sie ohne Galgenhumor vielleicht selbst gar nicht aushalten würde.
Was bedeutet schon „stark sein“?
„Jetzt hab’ ich Ihnen den Abend versaut. Wären Sie mal besser in der Pause gegangen“, sagt sie zwischendurch. Und weiß natürlich selbst, dass das nicht stimmt. Weil man, wenn man ihr zuhört und zuschaut, betroffen ist und zugleich trotzdem befreit auflachen kann über die bissige Satire, die Sonja Pikart mit ihrem entlarvenden Humor aus ihrer persönlichen Katastrophe generiert. Und weil es auch einmal guttut, live auf einer Kabarettbühne vorgeführt zu bekommen, dass gerade Phrasen wie „stark sein“ letztlich hohl sind und im Abgleich mit der harten Realität manchmal einfach auf dem Weg verloren gehen können. Und dass man gleichzeitig schwach und trotzdem stark sein kann.
Vor allem aber wird an diesem Abend eines deutlich: Ob der Typ im Wald nun ein Mann oder ein Bär ist, spielt keine Rolle. Viel wichtiger ist, dass man ihm nicht alleine gegenübertreten muss.
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