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Der fliegende Holländer – Theater an der Wien

Veröffentlicht 19. Okt., 2026

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Das Theater an der Wien bringt Wagners “Der fliegende Holländer” in einer Inszenierung von Philipp Stölzl auf die Bühne. Ein visuelle Meisterleistung – mit fahlem Beigeschmack. 

Recap: Worum geht’s beim “Fliegenden Holländer”?
Ein verfluchter Seemann darf nur alle sieben Jahre an Land gehen, um eine Frau zu finden, die ihn durch ihre Treue erlöst. Kommt euch bekannt vor? Die Geschichte, die wir von “Fluch der Karibik” kennen, inspirierte Richard Wagner bereits 1841 zur Oper Der fliegende Holländer. Hier steht Senta, die Tochter des Kapitäns Daland, im Zentrum der Handlung. Sie kennt die Legenden, die sich um den verfluchten Seemann ranken und fühlt sich berufen, ihn zu befreien.

Zwischen Fantasie und Wahn

Das Theater an der Wien bringt Wagners Oper in einer Inszenierung von Philipp Stölzl aus dem Jahr 2009 auf die Bühne, in der die Grenzen zwischen Realität und Wahn verschwimmen. Gezeichnet wird das Bild der jungen Frau Senta (Ambur Braid), die sich in Geschichten flüchtet, um den Regeln ihres Alltags zu entfliehen. So wächst sie zu einem “kleinen verwirrten Mädchen, im Körper einer erwachsenen Frau” (steht tatsächlich so im Programmheft) heran. Der fliegende Holländer (Jordan Shanahan) ist keine reale Person, sondern entspringt Sentas leidenschaftlicher Fantasie. Angetrieben von ihrer schwärmerischen Liebe verliert sie sich immer mehr in krankhafter Obsession. 

Diese Lesart des Stoffes passt gut zur Entstehungszeit des Werkes: Der Wahnsinn erlebte im 19. Jahrhundert sowohl auf der Opernbühne als auch in der Medizin seine Hochblüte. Zahlreiche Komponisten vertonten Geschichten über Frauen, die durch unüberwindbare Konflikte oder seelischen Zwiespalt dem Wahnsinn verfallen. In Paris prägte der Neurologe Jean-Martin Charcot durch seine zweifelhafte Forschung das Bild der hysterischen Frau. Insbesondere seine Beschreibung der leidenschaftlichen Haltungen beeinflusste die Wahrnehmung, wie leicht Frauen durch Gefühle und Erregung gelenkt werden können. 

Blogheader Der fliegende Holländer (c) Matthias Baus
Ambur Braid (Senta), Arnold Schoenberg Chor, Jordan Shanahan (Der Holländer) (c) Matthias Baus

Moderne Inszenierung, veraltete Rollen

Stölzls Senta fügt sich in das Bild der “hysterischen Frau” ein und zeigt: Der Anspruch des Female Gaze funktioniert nicht, wenn Mann ihn versucht. Let’s be real: Wir alle kennen es, wenn man sich in Traumbildern verliert und sich wegen eines Schwarms irrational verhält. Aber deshalb gleich dem Wahnsinn verfallen? 

Wir sehen eine Frau, die offensichtlich innere Kämpfe auszutragen hat und keinerlei Hilfe bekommt. Der Anspruch, Senta aus der Opferrolle zu holen, geht in keinster Weise auf. Die Bediensteten verhöhnen sie, ihr Vater verkauft sie an den erstbesten Mann und ihr selbst wird kein Handlungsspielraum gegeben. Immer wieder verliert sie sich beim Gedanken an den Holländer in sexualisierten Bewegungen – und alles in mir sträubt sich. 

Ich bin müde davon, immer wieder die gleiche Darstellung von Frauenrollen zu sehen, deren gesamtes Handeln auf einen random Dude ausgerichtet ist. Die Inszenierung von Stölzl wirkt vielleicht auf den ersten Blick neu, reproduziert aber dennoch veraltete Darstellungen von weiblichen Figuren und Stereotypen. Zur Erstaufführung 2009 mag die Inszenierung modern gewirkt haben, 17 Jahre später hinterlässt sie allerdings einen fahlen Beigeschmack. 

Ambur Braid (Senta), James Ley (Der Steuermann), Jordan Shanahan (Der Holländer), Wilhelm Schwinghammer (Daland), Ieva Prudnikovaite (Mary), Arnold Schoenberg Chor, Statisterie (c) Matthias Baus
Ambur Braid (Senta), James Ley (Der Steuermann), Jordan Shanahan (Der Holländer), Wilhelm Schwinghammer (Daland), Ieva Prudnikovaite (Mary), Arnold Schoenberg Chor, Statisterie (c) Matthias Baus

Holzbibliothek, Nebel & Gänsehaut-Chor

Visuell ist die Produktion dafür ein wahres Meisterwerk. Die Handlung wird in eine holzvertäfelte Bibliothek verlegt, in der Senta sich in Geschichten verliert. An der Wand hängt ein überdimensionales Gemälde, das sich im Verlauf des Stückes immer wieder hebt und den Blick auf ihre Traumbilder – und somit die Welt des fliegenden Holländers – freigibt. Scheinbar endlose Weiten öffnen sich, Nebelschwaden gleiten über die Bühne und man wird regelrecht ins Geschehen hineingezogen. Verstärkt wird der Zauber auch durch die detaillierten Kostüme von Ursula Kudrna. 

Auch musikalisch bleiben keine Wünsche offen. Wilhelm Schwinghammer als Daland, Jordan Shanahan als der Holländer und Ambur Braid als Senta vereinen Gesangskünste mit überzeugendem Schauspiel. Die Wiener Symphoniker lassen unter Robert Jindra die Wogen des Meeres durchs Theater rauschen und der Arnold Schoenberg Chor sorgt insbesondere in den leisen Passagen für Gänsehautmomente.

Alles in allem ist Der fliegende Holländer am Theater an der Wien eine beeindruckende Inszenierung – auch wenn meine Vorstellungen einer weiblichen Perspektive sehr anders sind. 

Jordan Shanahan (Der Holländer), Arnold Schoenberg Chor (c) Matthias Baus
Jordan Shanahan (Der Holländer), Arnold Schoenberg Chor (c) Matthias Baus
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