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Mord auf Mausklick ** Macbeth – Volkstheater

Veröffentlicht 13. Sep., 2026

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Das Volkstheater startet in eine neue Spielzeit und macht aus Shakespeares Macbeth kurzerhand ein Videospiel. Gezockt wird um Macht, Männlichkeit und die Frage, was passiert, wenn ein Spiel plötzlich erschreckend real wird.

Im Volkstheater beginnt Macbeth von William Shakespeare nicht auf einem schottischen Schlachtfeld, sondern vor zwei Computern. Links und rechts der Bühne sitzen eine Gamerin und ein Gamer in ihren Zimmern, sind über einen Videocall miteinander verbunden und haben sich zum Zocken verabredet. 

Was klingt wie ein (bis hierhin noch relativ unspektakuläres) “Let’s-Play”-Video, das man sich nebenbei beim Kochen auf YouTube ansieht, ist anfangs auch noch so. Denn in der Mitte der Bühne sieht man das Spiel, das sie spielen: Macbeth. Mehrere ineinander gesetzte Lichtrahmen bilden quasi die digitale Welt, durch die sich die beiden bewegen. Er spielt Macbeth. Sie die Lady Macbeth.

Recap: Worum geht’s nochmal?

Das Gameplay folgt dabei eigentlich der klassischen Handlung der Shakespeare-Tragödie. Drei Hexen prophezeien Macbeth, dass er eines Tages König von Schottland sein wird. Von Lady Macbeth angestachelt beschließt er, diesem Schicksal ein bisschen nachzuhelfen und König Duncan kaltblütig zu ermorden. 

Auf dem Thron ist es aber auch nicht so gemütlich, wie man es sich vielleicht vorgestellt hat: Paranoia und Angst, die neu gewonnene Macht gleich wieder zu verlieren, führen dazu, dass der Protagonist nach und nach all jene aus dem Weg räumt, die ihm irgendwie gefährlich werden könnten. Auf einen Mord folgen unzählige weitere und aus dem anfangs noch zögernden Macbeth wird ein skrupelloser Tyrann.

Press Start To Play © Marcella Ruiz Cruz
Press Start To Play © Marcella Ruiz Cruz

Ein Klick zur Krone.

Die Avatare werden im Volkstheater als lebensgroße Puppen dargestellt. Sie laufen, springen und kämpfen wie echte Videospielcharaktere, begleitet von klassischen Gamesounds. Die Spieler*innen steuern das Geschehen – anfangs noch mit einer gemütlichen Distanz – von ihren Bildschirmen aus und müssen immer wieder Entscheidungen treffen, die den Spielverlauf beeinflussen. So ist für den Macbeth-Spieler bei den Auswahlmöglichkeiten „Deine Zukunft erfahren oder weitergehen“ schnell klar: „Mhm…joa ne schon Zukunft erfahren.“

Zu Beginn ist dieses Setting noch lustig. Man fiebert mit dem Duo mit, ist fasziniert von den Puppenspieler*innen und der Art und Weise, wie man einen (böse ausgedrückt) alten Schinken von Shakespeare in die Gegenwart übersetzt hat. Gelacht wird im Publikum auch noch, als sich zwischen „Schlafen gehen“ und „König Duncan heimlich im Schlaf ermorden“ entschieden werden muss. Doch kurz darauf kippt die Stimmung. 

Der Macbeth-Spieler zögert und überlegt, ob es nicht einen weniger blutrünstigen Weg zur Königskrone geben würde. Seine Mitspielerin sieht das anders. Bereits zuvor scheint sie immer wieder von düsteren Visionen heimgesucht zu werden, in denen sich ihre Stimme verändert und plötzlich Lady Macbeth selbst aus ihr spricht. Mit Passagen aus Shakespeares Originaltext stachelt sie ihren Mitspieler an, den Mord zu vollziehen und stellt seine Männlichkeit infrage, sollte er dies nicht tun. Sie trifft ihn an einem wunden Punkt: 

Der Wunsch, ihr zu imponieren, ist größer als seine Zweifel und er entscheidet sich für den Mord.

Game over?

Und puh, ab da wird’s creepy. Die Trennung zwischen Spiel und Realität verschwimmt immer mehr. Was zunächst nur innerhalb der leuchtenden Rahmen des Videospiels passiert, schwappt jetzt auch in die Zimmer der Protagonist*innen über. Immer wieder wird es im Theater plötzlich stockfinster. Dann beginnt das Licht zu flackern und schneller, als man „Hecate, Hecate“ sagen kann, stehen schwarz maskierte Gestalten im Zimmer der beiden. Wie in einem Horrorfilm jagt ein Jumpscare den nächsten. So entdeckt der Macbeth-Spieler Blut an seiner Hand, seine Mitspielerin trägt es plötzlich im Gesicht. Beide versuchen, die Spuren abzuwaschen, doch während das Blut verschwindet, bleibt das Schuldgefühl. Lady Macbeth loggt sich vorzeitig aus dem Spiel aus und taucht wenig später selbst darin auf.

Die entspannte Distanz vom Anfang ist definitiv futsch. Jede virtuelle Wahl scheint reale Konsequenzen zu hinterlassen. Dieser Mood-Switch funktioniert auf der Bühne fantastisch. Teilweise so gut, dass man sich fast nicht traut hinzusehen, wenn die Puppen aufeinander losgehen und aus ihren Körpern rote Stoffbahnen quellen, die ziemlich eindeutig blutige Gedärme darstellen sollen. Obwohl man genau sieht, wie die Effekte erzeugt werden, stellt es mir ziemlich oft die Gänsehaut auf. Jeder Stich wird mit Geräuschen untermalt und das Licht, die Musik und das Schauspiel tragen durchgehend dazu bei, dass sich die Stimmung zuspitzt. 

Dass Regisseurin Rieke Süßkow die Gewalt der Vorlage sichtbar macht, ohne sie dabei als erstrebenswert darzustellen, ist auf jeden Fall gelungen. Besonders stark merkt man den Spannungsaufbau auch bei Nicolas Frederick Djuren, der den Macbeth-Spieler verkörpert. Am Anfang sieht man in ihm noch einen dezent nerdigen, aber liebevollen Gamer, dem man nur das Beste wünscht. Umso eindrücklicher wird die Veränderung, die mit jeder weiteren Bluttat einhergeht. Zum Schluss wirkt er fast schon fanatisch und vom Morden besessen.

Nur ein Spiel? © Marcella Ruiz Cruz
Nur ein Spiel? © Marcella Ruiz Cruz

Update statt Nacherzählung

Das Stück dauert knapp über eine Stunde und hat keine Pause. Einmal gestartet, wird das Game also auch nicht mehr gestoppt. Das passt nicht nur zum schnellen Erzähltempo der Inszenierung, sondern irgendwie auch gut zu der schnelllebigen Welt, in die diese Version von Macbeth verfrachtet wurde. Gehetzt fühlt es sich jedenfalls zu keinem Zeitpunkt an, weil auch nicht versucht wurde, die gesamte Originalgeschichte schnell abzurattern. Stattdessen werden die zentralen Fragen daraus in die Jetzt-Zeit übersetzt: Wie leicht lassen wir uns dazu bringen, unser eigenes Wertesystem über Bord zu werfen? Wäre es vielleicht „männlicher“ gewesen, nicht zu morden? Was bedeutet „Männlichkeit“ eigentlich? Und wer leidet am Ende wirklich unter der Gewalt: die Avatare, an denen sie ausgeübt wird, oder die Spieler*innen, die sie per Mausklick ausführen?

Man geht auf alle Fälle mit einigen Denkanstößen aus dem Stück und hat zugleich irgendwie Lust, es sich nochmal zu geben. Gerade eingefleischte Macbeth-Fans werden mit dieser Version wahrscheinlich viel Spaß haben, da einige Referenzen zum Original eingewoben wurden, die man wahrscheinlich gar nicht alle catcht, wenn man mit dem Stück bisher eher wenig am Hut hatte. Gleichzeitig sollte man nicht mit der Erwartung in die Aufführung gehen, hier eine detailgetreue Nacherzählung von Macbeth zu bekommen. 

Möglichkeiten, sich tiefergehend mit der zugrunde liegenden Story zu beschäftigen, gibt es in Wien ohnehin reichlich. Diese sind vielleicht auch als Kontrast zu dieser Abwandlung ganz nett: An der Staatsoper wird die Opernversion von Macbeth aufgeführt und auch das Burgtheater nimmt sich im April 2027 dem Stoff an.

Normalerweise drücke ich Updates auf meinem Computer ja erst einmal konsequent weg. Bei diesem hier wäre das sehr schade gewesen, da das Volkstheater einem über 400 Jahre alten Klassiker eine total gelungene Aktualisierung verpasst hat.

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